Donnerwand Direttissima

Eine Erstbegehung in drei Anläufen. Mit guten Freunden und ehrlichen Mitteln. Unsere Direttissima zeigt, dass neue Kletterrouten auch heute noch ohne Bohrmaschine erschlossen werden können. Das geht nicht nur in den Dolomiten, sondern auch im Kalk. Wir feiern das Comeback des Alpinkletterns!

Die Donnerwand über dem Kleinbodental

  1. Direttissima

Am zweiten September 2023 machte ich mich mit Alexander Bayerl und Oliver Wagner auf den Weg ins Grenzgebiet zwischen Niederösterreich und der Steiermark. Mit den Öffis reisten wir - nein nicht ins Mürztal - sondern zunächst ins weiter nordöstlich gelegene Hinternasswald im Höllental. Von dort aus stiegen wir über den Kreuzsattel ins Kleinbodental. Den längeren Zustieg nahmen wir zugunsten der kürzeren Anreise gerne in Kauf. Immerhin hatten wir zunächst eineinhalb Tage für unseren Erstbegehungsversuch eingeplant.

Die Idee zur Tour kam ursprünglich vom Oliver. Er war auf eine Beschreibung samt Topo zur klassischen Ostwand gestoßen. Die Linie stammte aus der Feder des Kletterpioniers Albin Rössel. Bereits 1920 zog er einen Zick-Zack-Pfad durch diese Wand. Dabei schlug er im unteren Bereich so weit nach rechts aus, dass - in Boxersprache gesprochen - die linke Flanke völlig offen war. Der Wand fehlte eine direkte Linie - eine Direttissima sozusagen. Diese wollten wir ihr schenken.

Also zurück zum zweiten September 2023: Nach unserer langen Plackerei über den Kreuzsattel erreichten wir mit unseren schweren Rucksäcken erst nach dreieinhalb Stunden Zustieg den Wandfuß. Zuerst besichtigten wir die große Höhle im Einstiegsbereich der Rössel-Tour. Dann kletterten wir zunächst seilfrei über eine Steilstufe in die Wand. In der ersten Seillänge suchte ich zunächst das Brösegelände links neben dem heutigen Routenverlauf ab. Wir kletterten in einer Art Dreieckmuster, bis wir die beste Linie in diesem Bereich ausmachen konnten. Nach einem mindestens maximal umständlichen Auftakt, schlugen wir zwei Normalhaken nebeneinander in den Fels. Damit markierten wir unseren ersten Standplatz in der Wand.

Oliver stieg die zweite Seillänge vor. Er visierte dabei das untere Ende von einem großen Risskamin an, der uns bereits im Rahmen der Fotoanalyse ins Auge gestochen war. Alex und ich waren mehr als erstaunt als wir bei ihm am Standplatz ankamen. Stolz zeigte er auf einen rundlich-schwarzen Abgrund, der direkt unter unserem Standplatz lag. Er hatte eine Höhle entdeckt, die senkrecht ins Innere des Berges führte. Wir einigten uns darauf, dort erst dann nach einem vergrabenen Schatz zu suchen, wenn wir unsere eigentliche Mission - die Direttissima - erledigt hatten.

Der Himmel verheißt nichts Gutes

2. Donnerwetter

Jetzt lag der Fokus nämlich einzig und allein am höher steigen. Über uns ragte der ca. 30m hohe Risskamin empor. Ich hatte mich bereits im Vorfeld freiwillig für den Vorstieg in dieser Seillänge angemeldet. Damit war ich auch der einzige von uns Dreien. Und da es von unten so aussah, als würde der Riss oben überhängen, blieb es auch dabei.

Also los! Vollständig bewaffnet, schrubbte ich mich lautstark aufwärts. Schon nach wenigen Metern musste ich schmunzeln - denn die Kletterei war fabelhaft! Ich klopfte nach ca. 10m einen ersten Schlaghaken in den großen Riss. Nach einer kurzen Pause auf einem kleinen Podest, kletterte ich in den oberen und steileren Abschnitt hinein. Die Wand wurde jetzt senkrecht. Ich verkeilte meine Beine auf eine ungewöhnliche, spinnenartige Art und Weise, wodurch ich beide Hände frei bekam. So konnte ich problemlos einen weiteren Haken in den Riss hämmern. Das singende Klopfgeräusch klang schöner wie ein Lieblingslied.

Jetzt wurde es aber ernst. Denn der Riss lehnte sich langsam ins Überhängende. Und weil das allein nicht reichte, wurde auch der Fels zum Abschluss immer strukturärmer. Die letzten paar Meter wirkten fast unüberwindbar. In dieser Situation war es ausnahmsweise umgekehrt: Der Blick nach unten bereitete mir Zuversicht. Da waren zwei gute Schlaghaken und irgendwo dazwischen auch ein Klemmkeil zu sehen. Außerdem blickte ich meinen beiden hoffnungsvoll-gespannten Freunden ins Gesicht. Der Blick nach oben ließ mich innerlich winseln. Also versenkte ich einen ergänzenden großen Friend im großen Riss.

Im Risskamin (hier bei einer späteren Begehung)

Ich wusste, dass es jetzt eine Entscheidung zu treffen gab. Entweder abklettern oder mit Volldampf in den Überhang hinein. Keine der beiden Optionen gefiel mir so richtig. Also sah ich mich um. Ich lehnte mich vorsichtig nach hinten, um links über die Kante des Kamins hinaus zu schauen. Mein Blickwinkel war zu spitz auf die Wandfläche gerichtet, um es eindeutig zu erkennen - aber ich vermutete einen Ausweg - also tätschelte ich die Wandkante entlang, um einen Griff zu finden. Vergebens. Ich kletterte zwei, drei Züge ab und versuchte es erneut. Diesmal wurde ich fündig. Ich trat mit meinem linken Fuß aus dem Kamin und platzierte ihn auf einem abschüssigen Absatz. Dann lehnte ich meinen Körper um die Kante. Na also! Geht doch! (Anmerkung: Den richtigen Ausstieg aus dem Kamin erkennt man als Wiederholer ganz leicht: Wir haben nämlich bei einer späteren Begehung direkt an dieser Stelle eine Sanduhr gefedelt. Die kann man fast nicht übersehen). Wenige Meter höher erreichte ich ein kleines Podest, auf dem man gerade so stehen konnte.

Ich bekam meine Hände mit Vorsicht frei und hämmerte auf meinen ersten Standhaken ein. Ich durfte keinesfalls das Gleichgewicht verlieren - deshalb dauerte das ein bisschen. Außerdem musste ich drei oder vier mal ansetzen, bis ich den richtigen Spot gefunden hatte. Dann benötigte ich weitere 10 Minuten um einen zweiten Normalhaken unterzubringen. Ich verband die beiden Fixpunkte und setzte mich endlich ins Seil. Bevor ich Oliver und Alex nachsicherte, klopfte ich zur Veredelung einen dritten Standhaken in die Wand. Während meine beiden Freunde fleißig kletterten, blickte ich nach oben. Die Wand sah hier weiterhin steil aus. Außerdem sollte der Fels wieder brüchiger und unberechenbarer werden. Als Alex und Oliver bei mir ankamen, beschlossen wir abzuseilen. Immerhin war es spät geworden.

Unten im Kleinbodental richteten wir unser Biwak ein. Am Abend gab es nur das Feinste von Knorr und Inzersdorfer. Wir erfreuten uns über gute Gespräche und ein paar kühlende Regentropfen in der Nacht. Am kommenden Morgen war der Himmel so grau wie Waschbeton. Die Luft roch frisch und die Wiese rund um uns herum war mit Tau überzogen. So wurde unser zweiter Versuch von einem heftigen Donnerwetter abgewehrt. Wir seilten direkt nach der ersten Seillänge ab und flüchteten durchnässt ins Tal - diesmal ins näher gelegene Mürztal.

3. Dritter Anlauf

Eine Woche später - genauer gesagt am neunten September 2023 fuhren Alex und ich erneut zur Donnerwand, die uns beim letzten Mal so eiskalt abgewiesen hatte. Oliver hatte an diesem Wochenende keine Zeit - er segnete uns eine Fortsetzung als Zweierseilschaft liebevoll ab.

An diesem Sonntag lächelte die Sonne vom strahlend blauen Himmel. Es war einer dieser perfekten und absolut wettersicheren Spätsommertage. Wir wanderten gemeinsam mit meinem Vater ins Kleinbodental - er war zum Bergwandern mitgefahren. Alex und ich stiegen erneut hinauf zum Wandfuß. Am Einstieg versenkten wir einen großen Drehmomenthaken. Oliver hatte ihn graviert und mitgegeben. Es tat uns ehrlich leid, dass er jetzt nicht mit dabei war.

Der Einstiegshaken der Direttissima

Dann kletterten wir die ersten drei Seillängen wie gehabt. Am obersten Standplatz angekommen, machte ich mich auf den Weg um Nummer vier zu erkunden. Das Gelände wurde schwieriger und vor allem brüchiger. Ohne ein paar wackelige Blöcke zu entfernen, wäre ich hier nicht weitergekommen. Auf den kommenden 20 Metern konnte ich zunächst so gut wie gar nicht zwischensichern. Ganz ehrlich - hier wäre mir mit Sicherheit kein Fehler verziehen worden. Aufgeregt prüfte ich jeden Griff und jeden Tritt auf seine Haltbarkeit. Dabei wurde das Gelände immer grasiger. Irgendwann entdeckte ich rechts von mir schon wieder so ein Loch in der Wand. Diesmal erkannte ich schon beim hineinschauen, dass auch von der anderen Seite Licht hinein zu scheinen mag. Ich kletterte ein Stück ab und kroch von der tiefer gelegenen Öffnung in die Durchgangshöhle. Im Inneren knüpfte ich zwei Sanduhren zu einem soliden Standplatz zusammen.

Alex stieg nach. Er konnte seine Freude über die Entdeckung dieser komfortablen Höhle kaum zurückhalten. Es war, als wären wir nach einem aufregenden Ausflug in eine gemütliche Stube eingekehrt. Die Höhle bietete uns Zuflucht und den perfekten Platz für eine Pause. Anschließend führte uns Alex auf der Oberseite wieder hinaus ans Tageslicht. Wir querten über ein leichtes aber exponiertes Band nach rechts und kreuzten etwas weiter oberhalb die Rössel-Tour.

Hier kletterten wir zunächst ins erste großen Risssystem, welches sich über uns auftat. Ich schlug einen kurzen Normalhaken in einen feinen Riss. Diese extrakurzen Haken verwendet man normalerweise nur unter statischer Belastung. Direkt an dieser Stelle erwartete mich eine kurze aber knackige Einzelstelle. Ich wusste, dass ich bei einem Sturz voll und ganz auf diesen einen Miniatur-Schlaghaken vertrauen musste. Andernfalls würde ich den Standplatz 5m weiter unten unsaft belasten. So ein Risiko geht man nur dann ein, wenn man die Kompromisslosigkeit der Situation verkennt. Das taten wir nicht. Also kletterte ich ab, bevor es zu spät wurde. Dabei zog ich sogar noch den Normalhaken heraus (ohne Sturz) und nahm ihn mit. Immerhin will man ja keinen Müll hinterlassen. Alex bekräftigte diese wichtige und vernünftige Entscheidung noch bevor ich sie getroffen hatte - dafür bedanke ich mich im Nachhinein. Die viel zu schwierige Passage hätte ohnehin nicht ins Gesamtbild unserer Route gepasst.

Suchend bogen wir auf der Rösseltour um die nächste Ecke. Wir entdeckten einen vollkommen logischen Ausstieg für unsere Linie: Einen gerade in Richtung Gipfel führenden, perfekt absicherbaren und leicht angelehnten Riss. Perfekt! - dachten wir uns. Und so war es dann auch. Die letzte Seillänge zogen wir über den Riss und anschließend in immer leichter werdendes Gelände direkt hinauf zum höchsten Punkt. Die Seillänge von 50 Metern reichte exakt aus, um in einer letzten soliden Felsplatte Haken zu schlagen und Stand zu bauen. Die Direttissima war vollendet.

Ich kann mich gut an diesen Moment erinnern. Die Sonne stand schon tiefer und warf ein warmes Licht. Die Temperatur war angenehm und es wehte eine leichte Brise. Wir gönnten uns eine belohnende Gipfeljause bei grandioser Aussicht. Während dem Abstieg fotografierten wir die Wand vom hinteren Kleinbodental aus. Dann wanderten wir zurück zum Forstweg wo uns mein Vater bei einbrechender Dämmerung mit dem Auto erwartete. Dadurch ersparten wir uns das Auslaufen auf der Schotterpiste. Ein gelungener Tag!

Nach der Erstbegehung

4. Feinschliff

Die Erstbegehung war uns also geglückt. Aber die Route hatte so wie sie jetzt beinander war einen etwas zu rauhen Charakter. So konnten wir keiner fremden Seilschaft unsere Linie auftischen. Außerdem wollten wir die Höhle nach der zweiten Seillänge auskundschaften. Am 24. September 2023 ging es für uns erneut ins Mürztal. An diesem bereits schon etwas kühleren Herbsttag wanderten Alex, Oliver und ich erneut zum Wandfuß der Donnerwand. Alex hatte diesmal etwas ganz besonderes mit dabei: Ein riesengroßes Stickbild einer getigerten Katze, die mit einem Stück Wolle spielt. Weiß der Teufel wie er auf die Idee gekommen ist? Vermutlich nicht. Aber er (Alex, nicht der Teufel) wollte das Bild am Standplatz in der Durchgangshöhle nach der vierten Seillänge aufhängen. Immerhin sollte das dortige Ambiente noch gemütlicher und häuslicher werden.

Wir kletterten durch die ersten beiden Seillängen und ergänzten ein paar Schlaghaken. Dann seilten wir nacheinander in die vertikale Schachthöhle unter uns ab. Unsere Entdeckung ließ uns staunen. Immerhin führte der Schacht senkrecht und ohne Unterbrechungen 40m tief in den Berg. Der Durchmesser des Hohlraums war genau richtig dimensioniert, um eine Person nach der anderen abzuseilen, ohne dass jemand stecken bleiben konnte. Am unteren Ende lagen die Knochen einer verunglückten Gams. Von hier aus konnte man gerade noch den Lichteinfall des Portals erkennen. Ausspreizend kletterten wir im Flow des 5. Schwierigkeitsgrades wieder hinaus. Ganz ehrlich: Das ist eine der schönsten und vor allem einzigartigsten 5er-Seillängen die ich je geklettert bin.

Diese erstaunliche Erfahrung ließ uns anschließend über die dritte Seillänge “schweben”. Wie Alex es geschafft hat, das Katzenbild hier rauf zu bringen, ist mir bis heute ein Rätsel. Die vierte Seillänge mussten wir dringend entschärfen. Ich putzte den Bereich rund um die Schlüsselstelle etwas aus und entfernte ein paar Blöcke. Damit wurden auch die Kletterzüge leichter. Wir bewerteten die dritte und vierte Seillänge jetzt mit UIAA 6. Außerdem ergänzten wir weitere Haken im anhaltend steilen Gelände. Selbstverständlich geschah all das im Vorstieg und aus der Kletterposition. Deshalb darf man sich als Direttissima-Aspirant nicht wundern, wenn man gerade bei den Schlüsselzügen keinen Haken vor dem Bauchnabel hat.

Ausstattung im Höhlenstüberl

In der Durchgangshöhle platzierten wir das gestickte Katzenbild, ein Wandbuch und ein paar weitere Accessoires. Anschließend richteten wir im leichteren Gelände der nächsten Seillängen solide Standplätze und ein paar wenige Zwischenhaken ein. Im Ausstiegsbereich zogen die Wolken zu. Die Temperatur fiel hier oben rapide ab und befand sich jetzt nur noch knapp über dem Gefrierpunkt. Mit eiskalten Händchen kletterten wir über den schönen Ausstiegsriss zum Gipfelkreuz. Insgesamt hatten wir die Anzahl der Sicherungshaken mindestens verdoppelt. Die Route fällt jetzt nicht mehr in die Harakiri-Kategorie. Trotzdem verzichteten wir vollständig auf den Einsatz von Bohrhaken. Und als übersichert würde ich sie auch jetzt noch nicht bezeichnen. Wiederholer sollten den angegebenen Schwierigkeitsgrad solide und ohne Probleme klettern können.

Die letzte Seillänge teilten wir aufgrund der tiefen Temperaturen in zwei Hälften

Die Donnerwand Direttissima beschreibt sich wie aus der Zeit gegriffen. Eine logische Führe entlang markanter Gesichtszüge in der Wand. Schöne, cleane Felskletterpassagen wechseln sich mit grasdurchsetztem Alpingelände ab. Man kann mit Sicherheit behaupten, dass es keinen “langweiligen” Abschnitt in dieser Route gibt. Die geografische Abgeschiedenheit paart sich mit dem landschaftlichen Reiz der Umgebung. Ein übersehener Klassiker. Besser spät als nie.

Hier gehts zur Tourenbeschreibung

Und hier zur Info auf bergsteigen.com

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