Schwarzriegel Nordwand - winterliche Erstbegehung am Schneeberg in Niederösterreich

Im November 2023 entschieden sich Patrick Faurot und ich spontan für eine winterliche Erstbegehung am Schneeberg. Wir hatten nur sehr wenig Material mit dabei - dafür trugen wir umso mehr Zuversicht in uns. Und die ist ja bekanntlich leichter als Luft und erzeugt somit Auftrieb!

Routenübersicht der Schwarzriegel Nordwand am Schneeberg

Schwarzriegel Nordwand mit Routenverlauf

  1. Spontanität

Am 05. November 2023 fuhren Patrick und ich mit dem Zug nach Puchberg am Schneeberg. Hier angelten wir uns einen Anhalter, der uns freundlicherweise bis nach Losenheim mitnahm. Unser Ziel: Eine frühwinterliche Begehung am Bürklesteig. Hier wollten wir möglichst viele, dafür aber moderate Klettermeter sammeln, um uns auf die werdende Saison einzustimmen. Schon beim Zustieg fiel uns auf, dass es weniger weiß und winterlich war, wie wir zunächst vermutet hatten. Auch die Temperaturen waren höher als erwartet. Als wir über den Grafensteig zur Krummen Ries einbogen, sahen wir dass der Bürklesteig nur im obersten Abschnitt gefroren und eingeschneit war. Damit war klar, dass wir entweder unsere Erwartungen, oder unser Ziel anpassen mussten.

Unser Gespräch über diesen Umstand hielt sich kurz. Ich deutete auf die Wand oberhalb der Krummen Ries und fragte Patrick ob er denn Lust habe, stattdessen da hinauf zu gehen. Er erwiderte: “Ya! Why not?”. Länger diskutierten wir nicht. Der Gedanke war simpel: Über 1500m war es gerade kalt genug, dass der wenige Neuschnee der letzten Tage liegen geblieben war. Die Temperaturen pendelten rund um den Gefrierpunkt. Und diese Wand da oben - wir wussten gar nicht wie sie heißt - sah nach perfektem Gelände zum Winterklettern aus: Schrofig, brüchig und stark strukturiert. Wir stellten also beides um: Unser Ziel und unsere Erwartungen. Immerhin würde es jetzt etwas abenteuerlicher werden, als ursprünglich angenommen. Und ich wage zu behaupten, dass wir beide nichts dagegen hatten.

2. Oben ist alles besser

Beim Zustieg über die Krumme Ries überlegte ich mir unser Vorhaben gründlich. Immerhin waren wir nicht auf eine Erstbegehung eingestellt. Wir hatten insgesamt vier Friends, ein kleines Set Keile und ein 50m langes Einfachseil dabei. Das ist nicht unbedingt die Ausrüstung mit der ich planmäßig in fremdes Gelände einsteigen würde. Ein Rückzüg war damit kaum möglich. Wir mussten also darauf achten, dass wir jeden Meter, den wir im Aufstieg zurücklegten, auch absteigend klettern könnten. Ca. 150hm unter dem Wandfuß legten wir eine kleine Pause ein. Dabei besprachen wir Taktik und Routenverlauf.

Alpinist beim Mixedklettern am Schneeberg in Niederösterreich

Patrick im unteren Wanddrittel

Kurze Zeit später ging es los. Das untere, leichtere Wanddrittel kletterten wir seilfrei. Wenn wir uns das nicht in diesem Stil zugetraut hätten, hätten wirs auch gleich sein lassen können. Ich fühlte mich wohl, immerhin war das Gelände einfach (M3 bis M4). Patrick musste bei ein oder zwei Stellen schlucken. Immerhin war der bröckelige Fels noch nicht richtig zusammengefroren. Man musste jeden Griff und jeden Tritt penibel auf seine Festigkeit prüfen. Auch dieser Umstand bestätigte, dass eine Absicherung hier nur den Nerven und bestimmt nicht der Sicherheit gedient hätte.

3. Sparsam durch die Wand

Ab dem Zeitpunkt, an dem wir das Seil auspackten, wurden auch die Bedingungen besser. Im mittleren Wanddrittel lag mehr Schnee und der Fels war halbwegs gut durchgefroren. Ich startete mit einer ca. 40m langen, anhaltenden Seillänge im Schwierigkeitsgrad M4-5. Dabei benutzte ich zwei der vier Friends und einen der Klemmkeile als Zwischensicherungen. Einen dritten Friend hatten wir unten als Standplatz verbaut. Ich begab mich also auf die Suche nach “dem einen Riss”. Und siehe da - ich fand ihn! Und dann auch noch an einer günstigen Stelle unter einem kurzen, senkrechten Aufschwung. Daneben konnte ich sogar noch einen der Klemmkeile platzieren. Zusammen ergab das einen soliden Standplatz mit so ziemlich genau den Mitteln, die ich zur Verfügung hatte. An meinem Gurt blieben magere drei Klemmkeile über.

Patrick Faurot beim Mixedklettern am winterlichen Schneeberg in Niederösterreich

Patrick in der Schwarziegel Nordwand

Patrick stieg die nächste Seillänge vor. Sie startete mit einem kurzen, senkrechten Kamin (M4-5). Oberhalb dockte er an einem Gratstück an, wo er Stand an einem Köpfl baute. Über den Grat kletterten wir im leichten Gelände in Richtung des Schneeberg-Plateaus. Als Headwall baute sich ein weiterer, steiler Turm über uns auf. Doch er hatte eine markante Schwachstelle. Eine grasige Verschneidung zog mitten durch sein versteinertes Gesicht.

In dieser letzten Seillänge genossen wir hervorragende Mixedkletterei an gefrorenen Graspolstern. Für den Vorstieg meldete ich mich freiwillig. Wir stiegen bei einsetzender Dämmerung aus der Wand. Am Plateau wurden wir mit einer schönen Fernsicht und eindrücklichen Licht- und Wolkenstimmungen belohnt. Was für ein Tag!?

Alexander Brückler und Patrick Faurot am Waxriegel Gipfel am Schneeberg

Beim Waxriegelkreuz

4. Freudvoller Ausklang

Als Krönung brauchte es natürlich einen Gipfel. Also statteten wir dem schönen Waxriegel-Kreuz einen Kurzbesuch ab. Der Wind pfiff uns hier oben sausend und brausend um die Ohren. Für Schneeberg-Verhältnisse wehte also ein leises Lüftchen. Als Abstieg wählten wir den langen Zahnradbahnweg, der uns direkt zurück nach Puchberg führte. Jeder der diesen Weg kennt weiß, dass er in seiner Länge und Eintönigkeit gewisse meditative Züge in sich trägt. Wir diskutierten nicht nur über die Tour, sondern mindestens auch über Gott und die Welt und alles weitere. Am Bahnhof in Puchberg belohnten wir uns mit einer Käsesemmel und einer Flasche Almdudler. Das ist das Leben!

Dramatische Lichtstimmung am Schneeberg in Niederösterreich

Abstieg über den Zahnradbahnweg

Wer die Tour nachklettern möchte, sollte zwei Dinge wissen: Erstens: Wir haben logischerweise kein Material hinterlassen. Und Zweitens: Die textliche Beschreibung aus dem Blog reicht zusammen mit dem Übersichtsbild (oben) locker aus, um dem Routenverlauf zu folgen. Eine Basis an alpinem Gespür sei vorausgesetzt. Viel Spaß!

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Gamskögel - eine Winterbegehung von Gams n Roses und Gamskögelgrat

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