Artesonraju
Am Paramount-Pictures-Paradeberg in den Peruanischen Anden. Nach unserer Besteigung des Alpamayo beschlossen wir einen Gipfelversuch an dieser märchenhaft, hoch aufragenden Gipfelpyramide. Die Erzählungen von “unmöglichen” Bedingungen und gescheiterten Anläufen ließen uns keine allzu großen Hoffnungen fassen. Als umso anregender beschreibt sich die Begegnung mit diesem faszinierenden Berg.
Der Paramount-Pictures-Paradeberg
Schlechte Vorzeichen
Nach unserer Alpamayo-Expedition kehrten wir für eineinhalb Tage nach Caraz zurück, wo wir in erster Linie eines taten - essen und Kalorien tanken. Wir hatten eine unglaublich gute Zeit und gingen täglich frühstücken, brunchen, mittagessen, snacken und abendessen. Wir erkundeten sämtliche kulinarische Facetten des kleinen Städtchens. Dabei begnügten wir uns selten (eigentlich nie) mit nur einer Portion pro Person. In der verschwindend geringen Zeit zwischen den Mahlzeiten besprachen wir unsere nächste Tour. Schnell wurde klar, dass es uns der schöne Artesonraju angetan hatte.
In Bergführerbüros in Huaraz erfuhren wir bereits viele Tage zuvor, dass eine Besteigung in dieser Saison unmöglich sei. Auch in Caraz fragten wir bei den einheimischen Guides nach und erhielten eine ähnliche Einschätzung. Die Worte “Impossible” und “Pericoloso” verstand sogar ich, mit meinen bescheidenen Spanischkenntnissen. Auch in den sozialen Medien hatten wir bereits vor unserer Ankunft von zwei gescheiterten Versuchen gelesen. Nachdem wir uns einen weiteren Bericht einer äußerst kritisch gestimmten Mitarbeiterin in einem Bergführerbüro angehört hatten, gingen wir zurück hinaus auf die Straße. Ich kann mich noch gut an diesen Moment erinnern. Mario fragte “Was glaubt ihr? Wo haben wir bessere Chancen? Am Nordgrat oder über die Südwand?”. Wir diskutierten keine Sekunde lang über das “Ob” sondern nur über das “Wie”. Eigentlich hätten wir uns die komplette Recherche und Herumfragerei sparen können.
Am Nachmittag des zweiten Ruhetages fuhren wir mit dem Sammeltaxi erneut hinauf nach Cashapampa. Wir wollten es über den Nordgrat versuchen. Hier sollten die “unüberwindbaren” Hindernisse aus einer eingestürzten Eishöhle (die bisher auf dem Weg zum Gipfel durchschritten wurde), einer unüberwindbaren Spalte am Fuße des eigentlichen Grates und an generell sehr schlechten Eisverhältnissen bestehen. Für eine Besteigung über die Südwand hätten wir es mit einem überfluteten See am Fuße des Berges und einer angeblich unübersteigbaren, überhängenden Gipfelwechte zu tun bekommen. Obwohl das alles andere als prickelnd klang, war unsere Laune besser als je zuvor. Wir brachen mit dem richtigen Mindset in diese Expedition auf. Der Gipfel war alles andere als ein Muss, was zählte war der Versuch und die Auseinandersetzung mit dem Berg.
Unser Ausgangspunkt - die Casa de Aguiles
2. Der Kiosk am Rande der Welt
Aguiles empfing uns mit offenen Armen. Wir tranken gemeinsam mit ihm und seinen Onkeln, Tanten, Schwestern, Freunden und Cousins ein paar Bier und stimmten uns freudig auf ein weiteres Abenteuer in diesem wunderschönen Gebirge ein. Diesmal bot er uns einen persönlichen Eseltransportservice bis ins Basislager an. Wir hatten das Gefühl, dass er dringend ein paar Tage Ruhe und Abstand von seiner Frau benötigte. Wie es sich später herausstellte benötigte er vor allem eines: Rum!
Am nächsten Morgen marschierten wir erneut durch das endlose Santa Cruz Valley. Auf einer Höhe von ca. 3800m steht hier ein kleiner Kiosk inmitten einer völligen Pampa. Aguiles bestellte ein paar Bier für sich, während wir jeweils eine Packung Chips und Schokolade verdrückten. Als Nachspeise gabs wie immer eine Hand voll Coca. Gesund und ausgewogen ernährten wir uns in diesen Tage nicht. Dennoch vermisse ich im Alltag oft dieses Gefühl der Leichtigkeit bzw. Gleichgültigkeit, das uns bei dieser Expedition fast schon leitete.
Nach unserem Brunch spazierten wir erneut an den großen Seen vorbei. Diesmal hielten wir uns am Talschluss geradeaus und später rechts, wo wir nach der Überquerung des Flusses eine flache und kahle Ebene betraten. Hier errichteten wir unser Basislager. Aguiles hatte kaum Gepäck mit dabei. Er berichtete uns, dass er in das gegenüberliegende Alpamayo-Basecamp übersiedeln werde, von wo aus er uns mit dem Fernstecher beobachten wolle. Kein Wunder! Immerhin gab es dort drüben ein wenig Gesellschaft und Alkohol.
Einsam und allein im Basislager
Wir genossen die Ruhe an diesem gottverlassenen Ort im Nirgendwo. Am nächsten Tag stiegen wir behutsam ins höher gelegene Moränenlager. Auf knapp 5000m Höhe richteten wir unser Camp für den bevorstehenden Besteigungsversuch ein. Anschließend schossen wir ein paar Bilder mit der Kamera - wir zoomten nahe genug an den Grat heran, um die beschriebenen Hindernisse ausfindig zu machen und Alternativen zu besprechen.
Wir entschieden uns für eine Route, bei der wir den Nordgrat großräumig über die linkerhand abfallende Ostwand umgehen könnten. Immerhin erkannten wir hier eine durchgehende Eisverbindung bis knapp unter den Gipfel. Denn es heißt ja: Wo Eis, da auch ein Weg! Den unteren Teil der Route, der über den zerklüfteten Gletscher führte, konnten wir von hier aus kaum identizieren. In diesem Abschnitt mussten wir uns auf eine spontane Wegsuche einstellen. In der kommenden Nacht schlief ich tief und friedlich. Immerhin strebten meine Hoffnungen für den Gipfel gegen Null und ich fühlte rein gar keinen innerlichen Druck irgendetwas erreichen zu wollen.
Mario arbeitet an seiner Bräune
3. Noch schlechtere Vorzeichen
Als uns der Wecker um 01:30 aus den Federn riss, machten sich Niklas und ich bereit. Mario sprach verdeckt aus seinem Zelt (bzw. wie aus einem brennenden Dornenbusch) zu uns. Er berichtete uns von starken Kopfschmerzen und dass er keine Sekunde lang geschlafen hätte. Sein Entschluss stand fest - er würde hier im Lager bleiben und bei Tageseinbruch absteigen. Da er von hier aus auch alleine sicher bis ins Basecamp gelangen konnte, waren sich Niklas und ich einig, dass wir es zu zweit versuchen.
Ich knabberte an einem Schokobrownie, während Niklas ebenfalls Beschwerden äußerte. Er hatte Magenkrämpfe und verzichtete aufs gesunde Frühstück. Dennoch wollte er sich für einen Gipfelversuch überwinden. Ich kann mich an kaum eine Bergtour erinnern, bei der die Vorzeichen schlechter standen. Kurze Zeit nach unserem Aufbruch erreichten wir den Gletscher. Das Eis war hier zapfenförmig aufgerichtet - sogenanntes Büßereis entsteht in extrem hohen Lagen tropischer Regionen, in der die Sonne vertikal vom Himmel brennt.
Irgendwo im Büßereis
Ich machte mir hier wenige Gedanken über die Orientierung und Wegfindung. Stattdessen verließ ich mich voll und ganz auf meine Intuition. Niklas leidete und war kaum in der Lage, sich zusätzlich mit einer weiteren Aufgabe zu beschäftigen. Irgendwann standen wir vor einem schwarzen Abgrund - einem offenen Spaltenwirrwar, das uns den Weiterweg versperrte. Ohne es mit Niklas zu besprechen kletterte ich abwärts in den eindrucksvollen Eisbruch. Hier unten schlenderten wir durch die Gassen einer Kleinstadt aus quaderförmigen Eistürmen. Irgendwann kletterte ich am anderen Ende des Städtchens über eine Wand aus Eis empor - dabei erreichte ich den Grat einer zackigen Eisrippe. In Reiterstellung manövrierten wir uns über dieses eigenartige Hindernis. Am Ende der Formation konnten wir den Eisbruch über eine kleine Brücke verlassen.
Wir standen nun auf einem harmlosen Schneehang, den wir schräg aufsteigend überquerten. Oberhalb deutete sich ein weiteres Hindernis an. Ich erinnerte mich an die Beschreibung des Nordgrates und an unsere Planung am Vorabend. Gerade hinauf müsste es zu dieser eingestürzten Eishölle gehen, aber weiter links könnten wir einen Weg in die besagte Ostwand finden. Dazu müssten wir als nächstes eine ca. 20m hohe, senkrechte Eisstufe überwinden.
Niklas im harmlosen Schneehang
4. Aufkeimende Hoffnung
Ich steuerte entschlossen auf die Stufe zu und berichtete Niklas von meiner Idee. Nachdem er mir seinen Segen zusprach, kletterte ich die ersten Meter einer Seillänge, die ich nie wieder vergessen werde. In der Vertikalen fühlte ich, wie meine Muskulatur unter dem Sauerstoffmangel, verursacht durch die Anstrengung der Kletterei in dieser Höhe, förmlich leergesaugt wurde. Nach einer Eisschraube nach den ersten drei Metern, verzichtete ich auf weitere, regelmäßige Zwischensicherungen. Das eindrehen der Schrauben hätte mich körperlich an meine Grenzen gebracht. Um die Dramatik perfekt zu machen, vollzog sich dieses Spektakel im roten Licht der aufgehenden Sonne. Oben angekommen dachte ich zunächst, dass alles umsonst gewesen sei. Ich erkannte einen weiteren Abgrund hinter der Kante. Zu unserem Glück hatte sich in der Kluft genügend Schnee gesammelt, wodurch die Überquerung der Spalte mühelos möglich war.
Ich sicherte Niklas nach. Oben angekommen berichtete er mir, dass es ihm mittlerweile besser ging. Zum ersten Mal keimte so etwas wie Hoffnung in uns auf. Wir querten nach links unter die vereiste Ostwand und kletterten diese am laufenden Seil hinauf. Die Kletterei war hier nicht besonders scchwierig - die Neigung lag bei ungefähr 60°. Weiter oben mussten wir einige etwas steilere Stellen aus Blankeis überqueren. Und am Ende kletterten wir über moderates Mixedgelände hinauf zum Nordgrat. Als wir hier oben andockten gaben wir uns unser gegenseitiges Zugeständnis, dass wir den Sack jetzt zumachen werden.
Niklas am Gipfelgrat
5. Eispilze, Gummiwürmer, Regenschirme & Labyrinthe
Wir überwindeten eine Hand voll wundersamer Eispilze und erreichten bald flacheres Gelände. Die letzten Meter am Grat konnten wir im einfachen Gehgelände beschreiten. Auch wenn unsere Pumpen in dieser Höhe eifriger denn je arbeiteten, fühlten wir uns innerlich wohl. Um 09:30 saßen wir am Gipfel des 6025m hohen Artesonraju. Wir stärkten uns mit Tee und einer Hand voll sauren Gummiwürmchen, die Niklas für diesen besonderen Moment mitgebracht hatte. Ehe wir an den bevorstehenden Abstieg dachten, genossen wir die außergewöhnlich schöne Aussicht auf diesem fast freistehenden Berg.
Wir beginnen mit dem Abstieg
Der Abstieg verlief zunächst problemlos. Wir kletterten über die Eispilze retour und anschließend wieder hinein in die Ostwand. Dort konnten wir kaum zuverlässige Fixpunkte anbringen - denn ja! Die Eisqualität war wirklich von letzter Güte. An einer einzigen Stelle konnten wir eine bedürftige Eissanduhr fädeln. Wir schlossen sie mit einem noch bedürftigeren, zusammengewachsenen Eiszapfen zusammen und seilten einmal 30m (wir hatten nur ein 60m langes Einfachseil dabei) an diesem mehr oder weniger fragilen Konstrukt ab. Die restlichen 400 Höhenmeter der Wand mussten wir miserabel gesichert abklettern. In dieser Höhe nahm das einiges an Zeit in Anspruch. Irgendwann waren wir dann an jener Stelle angelangt, an der wir im Aufstieg horizontal in die Wand gequert waren.
Hier mussten wir beim Abstieg kleinräumig anders abgebogen sein. Immerhin seilten wir in eineinhalb Seillängen über eine überhängende Eisstufe ab, an die sich keiner mehr erinnern konnte. Dabei landeten wir zwischendurch auf einem sogenannten “Regenschirm”. Diese speziellen Gebilde entstehen durch eine Laune der Natur, bei der sich durch bestimmten Windeinfluss schirmförmige Absätze aus Eis bilden.
Anschließend erreichten wir bald die obere Kante unserer einstigen Schlüsselstelle - der besagten 20m hohen Steilstufe, die wir zuvor im Licht der aufgehenden Sonne bekletterten. Mit dem Eisgerät schlugen wir einen Firnanker ein. Ich hintersicherte mit meinem Körpergewicht, während Niklas als erster abseilte. Dabei beobachtete ich wie sich dieser einfache, zugespitzte Aluwinkel durch die Abseilbewegungen auf und ab schob, als hätte er ein Eigenleben. Diesem für uns unvertrauten Werkzeug wollte ich in diesem Moment nicht mein Leben anvertrauen - immerhin war für mich keiner mehr zum hintersichern da. Lieber kratzte ich mit meinem Eisgerät an einem seltsamen Eisgebilde, das wie ein Köpfl über die Kante ragte. Nachdem ich es mit einer hinterschnittenen Rille ausgestattet hatte, legte ich das Seil über das Eisköpfl. Vorsichtig seilte ich mich zu Niklas ab.
Die Steilstufe, welche Stunden zuvor die Schlüsselstelle im Aufstieg darstellte
Nun navigierten wir hinab zum offenen Gletscherbruch. Unsere einstige Ausstiegsstelle aus dem Labyrinth fanden wir dank der Orientierungshilfe einer kleinen Hinterlassenschaft. Ihr wisst was ich meine! Wir bewegten uns exakt entlang derselben Route, die wir hier zuvor in der Nacht zurücklegt hatten. Das kleine Städtchen aus Eisquadern wirkte jetzt nicht mehr ganz so düster. Wir spazierten durch die engen Gassen und kletterten an derselben Stelle nach oben hinaus, an der wir viele Stunden zuvor in die Spaltenzone eingestiegen waren.
Niklas im Spaltenwirrwar
Anschließend standen wir erneut im Büßereis. Irgendwo in diesem Bereich hatten wir im Aufstieg unsere Stöcke deponiert. Niklas hatte noch genug Kraft um sie zu suchen. Währenddessen ruhte ich mich ein wenig aus. Spätestens jetzt machte sich die Erschöpfung in mir breit. Irgendwann kam Niklas mit vier Stöcken angerannt. Woher der jetzt plötzlich diese Energie hatte? Jedenfalls war ich ihm dankbar, dass er diese Fleißaufgabe auf sich nahm. Im Büßereis fasste er sogar noch genug Reserven, um wegen der hier mühsamen Art der Fortbewegung laut vor sich her zu fluchen. Auch ich verfluchte die unzähligen Eistürmchen innerlich, bis wir dann endlich wieder Fels unter den Füßen hatten.
6. Wie im Märchen
Kurze Zeit später marschierten wir im Lager ein. Erst jetzt realisierten wir diese außergewöhnlich unwahrscheinliche Erfahrung. Der prächtige Artesonraju sei also doch nicht “imposible”. Und “pericoloso” war er - naja zumindest nur ein bisschen. Mario war viele Stunden zuvor ins Basecamp abgestiegen. Er hatte uns nur eine winzige Packung Instandnudeln liegen lassen. Aber das soll jetzt nicht wie ein Vorwurf klingen, denn wir hatten für diesen Tag insgesamt nur zwei von diesen mikrigen Portionen übergelassen. Wie bei einer zierlich angerichteten Vorspeise eines Haubenlokals, war unser Teller bereits nach drei oder vier Bissen leer gegessen. Hungrig aber zugleich gesättigt von dieser erstaunlichen Erfahrung, zogen wir uns ins Zelt zurück.
Am nächsten Morgen packten wir unsere Sachen und stiegen ins Basislager ab. Mario, Aguiles und die beiden Esel erwarteten uns mit Freude. Aguiles war bereits früher als geplant zurück ins Artesonraju-Camp gekommen. Er hatte sich Sorgen gemacht, nachdem er mit seinem Feldstecher nur zwei von uns beim absteigen beobachtete. Dort war er dann auf Mario getroffen. Es folgten einige sehr ruhige gemeinsame Stunden, denn Mario spricht kein einziges Wort spanisch. Dieser hatte den ersten Frust wohl auch schon verdaut. Niklas und mir tat es ehrlich leid, dass er nicht mit auf den Gipfel gehen konnte. Doch zumindest ging es ihm jetzt körperlich besser.
Ankunft im Basislager
Beim weiteren Abstieg nach Cashapampa stoppten wir erneut beim kleinen Kiosk. Aguiles jammerte mir von einer eiskalten Nacht im Artesonraju-Basislager vor. Mario hätte ihn nicht ins (winzige 1-Personen) Zelt gelassen, weshalb er jetzt unbedingt eine Flasche Rum zum aufwärmen benötigte. Ich hinterfragte seine Bitte nicht zu sehr und lud ihn auf die Flasche ein. Mein kleines Geschenk machte Aguiles in diesem Moment noch glücklicher als Niklas und ich es zusammen waren. Wir drei versorgten uns erneut mit jeweils einer Packung Chips, ehe wir den restlichen Weg zur Casa zurücklegten. Dort angekommen tischte Aguiles Frau frischen Fisch mit Erdäpfeln auf, während ihr Mann ein Lied über “Cerverza” (das heißt Bier) sang und dazu mit der Harve spielte. Es war ein Bild wie aus dem Märchen.
Zum Video gehts hier.