Jenseits von Eden
Ein Höllental-Meisterstück, dass so gut wie niemand kennt. Und so gut wie gar niemand kennt es aus erster Hand. Mir ist diese Tour in besonderer Erinnerung geblieben. Nicht wegen ihrer Schwierigkeit oder Länge - sondern wegen ihrem außergewöhnlichen Erlebniswert.
Der ungefähre Routenverlauf. Eine Topo gibts im Höllental-Kletterführer.
Wer suchet …
… der findet - das Abenteuer. Das wurde uns bereits nach wenigen Zustiegsmetern bewusst. Denn in diesem verlassenen Winkel des Höllentals gibt es weder Markierungen, noch Wanderwege. Wir tauchten also nach nur wenigen Gehminuten in eine kleine Oase der Wildnis ein. Über Stock und Stein wanderten wir in etwa 30 Minuten unter den stufig gerippten Wandvorbau des Wasserofens. Dort passierten wir die Überreste einer verwesenden Gams. Es roch nun also auch nach Abenteuer.
An diesem 14. April 2024 war ich gemeinsam mit Niklas Haid im Niederösterreichischen Höllental unterwegs. Niklas war bereits am vorvorherigen Abend aus Regensburg angereist. Am Vortag kletterten wir den “Gelben Pfeiler” - gegenüber von der Blechmauer. Eine schöne Alpinklettertour im siebten Grad. Heute entschieden wir uns für eine Fortsetzung in der “Jenseits von Eden”. Der Name erinnert an einen alten Song von Nino de Angelo. Darin erklärt uns der Sänger, dass wir “jeden Tag das Leben endlos spüren” sollten. Andernfalls “haben wir umsonst gelebt”. Wie passend!
Um also nicht umsonst gelebt zu haben, meisterten wir auch die letzten und deutlich steileren Meter des Zustiegs. Wobei “meistern” wahrscheinlich das falsche Wort ist. Wir kletterten im leichten Gelände in eine der Felsrinnen unter die eigentliche Wand. Dabei registrierten wir erst recht spät, dass wir zu weit links abgebogen waren. Unter der Wand durften wir über zwei weitere Gratrippen nach rechts queren. Einmal mussten wir über eine kurze Stufe abseilen. Es ist empfehlenswert, hier auf den letzten Metern unter der Wand besonders achtsam zu orientieren. Am besten behält man während dem gesamten Zustieg immer den großen, rechten Wasserstreifen in der Wand im Blick.
Um endgültig zum Einstieg zu gelangen kletterten wir eine etwa 20m hohe, angelehnte Wand im 3. bis 4. Schwierigkeitsgrad hinauf. Oben packten wir die Seile aus und Niklas startete in die erste Seillänge. Zum Auftakt ging es über einen glitschig/moosigen Riss, welcher aber gut bis sehr gut mit Bohrhaken abgesichert war. Erst nach der Schlüsselstelle dieser Länge - einem kurzen aber kraftigen Überhang - wurden die Abstände der Haken wieder weiter. Die zweite Seillänge führte mich über eine sehr schöne und nicht allzu schwierige Verschneidung, ohne jegliches Fixmaterial. Im Riss konnte ich gute Placements finden. Hier zeigt sich die Route erstmals von ihrer alpinen Seite.
Im unteren Wandteil
2. Jenseits
Die dritte Seillänge ist zweifelsfrei ein Highlight dieser Tour. Zunächst stieg Niklas über eine nicht absicherbare Platte einige Meter gerade hinauf. Hier sollte man eher nicht stürzen! Anschließend querte er diagonal nach links. Während nicht nur Niklas, sondern auch die Schwierigkeiten in die Höhe kletterten, verdichtete sich parallel dazu das Hakenmaterial. Kleinere Runouts musste Niklas trotzdem in Kauf nehmen. Klettertechnisch reihen sich hier viele elegante und technische Züge aneinander. Außerdem ist diese Seillänge so besonders, weil man hier erstmals dieses fantastische Wandgefühl erleben darf. Das Ambiente im Wasserofen trägt etwas paradiesisches und einschüchterndes zugleich in sich. Und hier spürt man es das erste Mal so richtig. Immerhin hat man sich jetzt weit genug vom Boden entfernt.
Niklas in der dritten Seillänge
In der vierten Seillänge stand nun die Crux des Tages am Programm. Über eine glatte Wand sollte es im Zick-Zack und etwas nach links querend weitergehen. Zum Festhalten dienten mehr oder weniger griffige Löcher. Tritte waren eher Mangelware. Die Passage ist in der Topo mit 7+(A0) angegeben. Ich konnte sie erst beim zweiten Versuch frei klettern und schätze, dass sie auf diese Weise irgendwo im achten Grad angesiedelt ist. Die Ausgesetztheit in diesem Quergang ist mir in besonderer Erinnerung geblieben. Während man mit den Schuhspitzen nach Unregelmäßigkeiten und kleinen Vorsprüngen tastet, blickt man darunter in eine suagende Tiefe. Diese Schlüsselpassage ist wirklich besonders, wenn man das Gefühl der Exponiertheit schätzt.
Nach den schwierigen Kletterzügen führte dieselbe Seillänge in eine vertikale Rissverschneidung. Auch wenn diese bedeutend leichter war, musste ich erneut meine Kräfte mobilisieren. Immerhin fühlte ich mich direkt nach der Schlüsselstelle nicht mehr ganz frisch. Und bzgl. der Absicherung war hier wieder einmal Eigeninitiative gefragt. Auch der Fels war nicht immer fest, sondern eher splittrig. Insgesamt bildet diese Schlüsselseillänge also eine hervorragende, charakterliche Zusammenfassung der gesamten Route: Anspruchsvolle und schöne Kletterzüge wechseln mit alpinen und klassischen Strukturen. Dabei bleibt die Wand immer anhaltend steil - sie bietet kaum Möglichkeiten zur zwischenzeitlichen Erholung. Aber gerade das macht die Tour ja aus.
Niklas startete nun in die fünfte und bereits vorletzte Seillänge der Tour. Im Sinne der Kletterei ähnelte sie der dritten Länge - schöne, technische Platten, gewürzt mit kleineren Runouts: bis er an den verwachsenen Übergang von Wand zu Terrasse gelangte. Hier änderte sich der Charakter schlagartig. Zwischen Sträuchern wühlte er über die letzten senkrechten Meter empor. Dabei wurde der Fels immer blockiger und brüchiger. Ein Brocken löste sich und schoss neben mir in die Tiefe. Jeder der diese Art Kletterei kennt, weiß, dass es Angenehmeres gibt - besonders wenn Zwischensicherungen so gut wie komplett ausbleiben.
Niklas am Ende der Schlüsselseillänge
3. Meisterstück
Als ich als Zweiter die Terrasse erreichte, war uns klar, dass wir es hier geschafft hatten. Denn die letzte Seillänge führte nur noch über einen kurzen Aufschwung hinauf zum Waldrand. Ein paar nette, abschließende Kletterzüge später packten wir die Seile zusammen.
Nun ging es an den überraschend langen und aufwendigen Abstieg. Dieser führte nämlich über den äußerst schwach ausgeprägten “Brettschachersteig” und “das Schiache” gen Westen zum Stadelwandsattel. Bis hierher wühlt man sich immer leicht ansteigend durch die Pampa. Dieses selten begangene Waldstück hat aber auch etwas Beruhigendes - vor allem nach so einer großartigen Kletterei. Ab dem Sattel führt dann der bekannte Abstiegsweg der Stadelwand durch den immerzu verlaubten Stadelwandgraben zurück zur Höllentalbundesstraße. Ab hier darf man dann wenige Fußkilometer entlang der Straße zurücklegen, um zum Ausgangspunkt nach Kaiserbrunn zu gelangen.
Die “Jenseits von Eden” ist mir als etwas wahrlich Besonderes in Erinnerung geblieben. Nicht weil sie die schwierigste, längste oder gefährlichste Tour war, die ich je geklettert bin. Sondern weil sie diesen einzigartigen Erlebniswert in sich trägt. Von Beginn an begleitete uns das Gefühl, dass diese Route etwas Spannendes und Interessantes für sich bereithält. Man spult hier die Seillängen nicht einfach so ab. Man erlebt sie - buchstäblich in vollen Zügen. Ein Meisterstück!