Gamskögel - eine Winterbegehung von Gams n Roses und Gamskögelgrat

Im Jänner 2024 stand nach einer längeren Verletzungspause endlich wieder eine aufregende Tour am Programm. Niklas und ich verabredeten uns an diesem Wochenende zu einer im Winter bisher noch nie so begangenen Routenkombi. Auf den sogenannten Gamskögeln in den Triebener Tauern sammelten wir rund 1400 Klettermeter in Fels, Schnee und Eis.

Die Gamskögel in der Steiermark mit Routenübersicht im Winter

Die Gamskögel mit Routenübersicht

  1. Das Comeback

Mein Unfall lag gerade einmal zweieinhalb Monate zurück. Im November des Vorjahres stürzte ich beim Mixedklettern in Slowenien 20m weit ab. Dabei riss ich zwei Friends und einen Schlaghaken aus der Wand. Erst die vierte Zwischensicherung - ein weiterer Schlaghaken - bremste meinen Sturz. Bei diesem Unfall hätte ich alles verlieren können. Doch ich hatte Glück und verletzte mich nur. Das Grundgelenk meines rechten Daumens zerbröselte in mehrere Teile. Und mein rechtes Knie konnte ich eine Zeit lang nicht durchstrecken. Nach sechs Wochen Gips, zwei Operationen und vielen Stunden Training, stellte ich mir die Frage, ob es nur der Körper war, der Schäden abbekommen hatte?

Immerhin war es mir ein Anliegen, bald wieder mit genauso viel Freude in die Berge zu gehen wie zuvor. Die beängstigende Sturzerfahrung sollte mit etwas Positivem überspielt werden. Also verabredete ich mich mit meinem Freund Niklas für einen Wochenendausflug. Er hatte mich im November gemeinsam mit Christoph Meysel, nach meinem Unfall über die Wand abgeseilt. Die Verletzung am Daumen war - naja - sagen wir weitestgehend verheilt. Ich kletterte ja auch schon in den Wochen davor wieder in der Kletterhalle (zum Teil mit Gips). Fit fühlte ich mich allemal.

2. Frische Erinnerungen

Wir starteten spät in dieses Abenteuer. Es war bereits 09:00 als wir gemeinsam im Triebental ankamen. Unser Schlachtplan beinhaltete ein geplantes Zeltbiwak, hoch oben am Gamskögelgrat. Das perfekte Biwakplätzchen hatte ich im vorangegangenen Herbst ausgekundschaftet, als ich dieselbe Tour alleine, aber bei sommerlichen Verhältnissen beging. Damals hatte ich die Idee einer Winterbegehung selbstverständlich schon im Hinterkopf. Immerhin hatte ich Monate zuvor Fotos von meinem Freund und Bergführerkollegen Daniel Pacher gesehen. Er kletterte die sogenannte Gams n Roses gemeinsam mit seinem Seilpartner als Erstes im Winter. Doch die beiden seilten noch am selben Tag über den kürzeren Teil des Grates ab. Eine winterliche Gesamtbegehung - also Gams n Roses + Gamskögelgrat stand demnach noch aus.

Aber zurück zum 27. 01. 2024. Der Zustieg verlief schleppend. Wir hatten uns wegen der ohnehin schon ausartenden Materialschlacht gegen den Einsatz von Tourenski entschieden. Also durften wir durch den zum Teil hüfttiefen Schnee waten. Den Einstieg der Gams n Roses erreichten wir erst nach dreieinhalb Stunden.

Alpinist beim Eisklettern in den Triebener Tauern

Niklas am Einstieg

Doch um genau zu sein, stiegen wir wo anders ein. Wir erblickten nämlich einen kleinen Eisfall - ca. 100 bis 200m rechts vom Originaleinstieg. Der sah so verlockend aus, dass wir nicht anders konnten. Niklas stieg die kleine Stufe souverän vor und baute einige Meter oberhalb einen bedürftigen Standplatz mit einer kurzen Eisschraube. Mehr war dort einfach nicht drin. Anschließend führte ich über leichtes Gelände, ehe wir an der Originalroute andockten.

Ab hier wurde es steil. Denn die nächsten drei Seillängen boten anhaltende und fast senkrechte Kletterei im 4. und 5. Schwierigkeitsgrad. Niklas meisterte die erste der drei Seillängen im Vorstieg. Die Zweite gehörte mir. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass es mir leicht fiel. Auf den ersten Metern zitterte ich. Die Erinnerung war frisch - ein Sturz im kombinierten Gelände. Der Unfall. Die Härte der Felsen beim Aufprall. Der Schock. Die beißenden Schmerzen.

Mit allen Mitteln riss ich mich zusammen und spürte, wie ich mit der Bewegung ruhiger wurde. Auf den letzten Metern dieser Seillänge konnte ich loslassen. Nicht im buchstäblichen Sinne (Gottseidank!). Sondern im Übertragenen. Während ich Niklas nachsicherte, fühlte ich große Erleichterung. Diese Seillänge half mir dabei das Erlebte zu verarbeiten.

Niklas Haid bei einer Winterbegehung der Gams n Roses in den Triebener Tauern

Niklas in der Schlüsselseillänge

3. Eisiger Wind

Niklas stieg in die dritte und letzte der schwierigen Seillängen ein. Zunächst verklemmte er seine Eisgeräte in einem vertikalen Riss. Weiter oben zog er sich gekonnt über einen kleinen Überhang. Es machte Spaß, ihm zuzusehen. Noch mehr Freude machte es, die Seillänge selbst zu klettern. Es ist schon erstaunlich, welche Qualitäten das Urgestein fürs Mixedklettern bereithält. Ich oute mich hiermit als großer Fan dieser Gesteinsart.

Im oberen Drittel legt sich die Wand wieder etwas zurück und das Gelände wurde bis zum Gipfel hin immer einfacher. Simultan kletterten wir über die Gratkante und steuerten unseren Biwakplatz etwas weiter unten, in Richtung Scharte an. Die landschaftliche Szenerie ist hier oben bemerkenswert. Vor allem wenn gerade die Sonne unter geht und einem der Höhenwind rauschend um die Ohren pfeift. In solchen Momenten fühlt man sich lebendig.

Unseren Zeltplatz erreichten wir gerade noch vor Sonnenuntergang. Wir schaufelten eine Grube aus und versuchten unser Zelt so zu positionieren, dass es möglichst windgeschützt hinter einem Felszacken stand. Doch das funktionierte nur zum Teil. Die meisten Sturmböen erreichten uns aus einem Winkel, vor dem wir uns nicht schützen konnten. So wurde aus einem klassischen Zeltaufbau schnell Futter für die Serie “Pfusch am Bau”. Eine der Zeltstangen knickte und aus der gewohnten Kuppelform wurde ein dreister Dreizack. Das entstandene Konstrukt konnten wir unter diesen Bedingungen nicht reparieren.

Beim Kochen im Vorzelt, flatterte die Hülle so sehr, dass die äußere Plane ein paar Brandflecken abbekam. Wir genossen trotzdem unser Abendmal und tranken sogar ein kühles Bier. In der Nacht rüttelte es das Zelt immer wieder durch. Regelmäßig rissen uns Sturmböen aus dem Schlaf. Erst später wurde es ruhig - denn am frühen Morgen ließ diese Unruhe endlich nach und wir krochen müde aus unserer Höhle. Von außen betrachteten wir unser dekonstruktivistisches Meisterwerk. Frank Gehry wäre stolz auf uns gewesen.

Alexander Brückler trinkt Kaffee beim Bersteigen

Kaffee bringts!

Zeltbiwak am Gamskögelgrat in der Steiermark

Unser Zeltplatz am frühen Morgen

4. Gamskögelgrat

Nachdem wir dieses Häufchen Elend namens Zelt wieder zusammengepackt hatten, machten wir uns auf den Weg zum Gipfel. Der Gamskögelgrat wird ja immer wieder bei winterlichen Verhältnissen begangen. Wir wussten also, dass uns ab hier nichts mehr aufhalten konnte. Auf den kommenden Metern lief es wie am Schnürchen. Wir spielten uns gut ein an diesem Morgen und machten konstanten und fließenden Fortschritt. Bei der Schlüsselste am Grat verrutschte mein rechtes Steigeisen, als ich gerade im Vorstieg kletterte. Ich konnte die Stelle aber auch mit Links bewältigen (Zwinkersmiley).

Niklas Haid klettert am winterlichen Gamskögelgrat

Niklas am Gamskögelgrat

Bei strahlendem Sonnenschein und windstillem Wetter erreichten wir den höchsten Punkt unserer Tour. Den 2386m hohen Westlichen Gamskogel. Es war ein schöner Moment und wir genossen die herrliche Aussicht über die Triebener Tauern, das Gesäuse und das unweit gelegene Dachsteingebirge. Ganz hinten am Horizont konnten wir sogar den Großglockner ausfindig machen.

Alexander Brückler und Niklas Haid am Gipfel der Gamskögel in der Steiermark

Am Westlichen Gamskogel

Nach einer ausgiebigen Pause fädelten wir in die sogenannte Prinzessinnenrine ein. Hier wünschten wir uns vergebens unsere Skier herbei. Eine Abfahrt wäre jetzt die Draufgabe gewesen. Doch das Leben ist kein Wunschkonzert. Unten bei der Bergerhube fragte uns der Wirt nach unseren Wünschen. Diesmal konnten wir uns auf eine Erfüllung einstellen. Nach einem ausgiebigen Mittagessen traten wir die Heimreise an. Mein Zelt konnte ich dank dem liebevollen Entgegenkommen der Firma MSR schnell wieder reparieren lassen. Es zahlt sich aus, auf Qualitätsprodukte zu vertrauen.

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Großglockner Nordwand - ein Bericht aus der Aschenbrennerroute am höchsten Berg Österreichs

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Schwarzriegel Nordwand - winterliche Erstbegehung am Schneeberg in Niederösterreich