Großglockner Nordwand

Über die Aschenbrennerroute auf das Dach Österreichs. Die bereits im Juli 1930 erstbegangene Paradetour durch die 600m hohe Nordwand des Großglockners bildet die direkteste und meiner Ansicht nach schönste Linie in dieser Wand. Besonders ist ihr unmittelbarer Ausstieg beim goldenen Glocknerkreuz auf 3798m.

Bei der Kaiser Franz Joseph Höhe

  1. Große Vorhaben

Christoph und ich verabredeten uns im Spätherbst 2024 zu einer Tour. Wir wussten, dass die Verhältnisse für Nordwände in den Alpen derzeit perfekt sein könnten. Immerhin gab es nach einer langen Trockenperiode jetzt tiefe Temperaturen in den Höhenlagen. Als erstes kam uns der berühmt-berüchtigte Eiger in den Sinn. Seine Nordwand gilt als DIE alpinistische Unternehmung schlechthin. Wir bereiteten uns mental auf die 1800m hohe Wand der Wände vor. Ehe der Wetterbericht am Tag vor der Abreise wenige Zentimeter Neuschnee und ein etwas verkürztes Zeitfenster für unsere potentielle Begehung meldete. Wir waren uns sofort einig - den Eiger möchten wir nur bei nahezu perfekten Vorzeichen in Angriff nehmen. Deshalb planten wir spontan auf den Großglockner um. Unser Ziel: Die direkteste und womöglich schönste Linie durch die Nordwand.

Bereits 1930 wurde diese Route vom sogenannten “Himalaya-Peter” - Peter Aschenbrenner und Gefährten erstbegangen. Damals hatte es die Seilschaft mit Eisschlag in der Berglerrinne zu tun. Spontan wichen die vier Bergsteiger nach links ins felsige Gelände aus, wo sie später über den Nordostgrat direkt den Gipfel erreichten.

Christoph und ich haben uns im März 2021 hier oben am Großglockner kennengelernt. Damals sind wir zusammen durch die sogenannte Mayerlrampe (ebenfalls in der Nordwand) gestiegen. Umso schöner war es, hier an diesen Ort gemeinsam zurückzukehren.

Zu dieser Jahreszeit ist es ziemlich aufwendig, den Wandfuß zu erreichen. Wir entschieden uns für einen direkten Zustieg von der Nordostseite. Mit den Fahrrädern fuhren wir die bereits geschlossene Hochalpenstraße bis zur Kaiser Franz Josef Höhe hinauf. Dabei hatten wir ein ausgeliehenes E-Bike zur Verfügung. Ich saß am strombetriebenen Drahtesel und zog Christoph auf seinem Unpluged-Mountainbike hinterher. Die beiden Räder hatten wir mit einer Reepschnur zu einer wackeligen Einheit verbunden.

Unser Konstrukt

2. Mond und Sterne

Bei der Kaiser Franz Josef Höhe sperrten wir unsere Fahrräder ab. Hier ging es zunächst 300hm bis zum Pasterzensee hinab. Der tiefe Abstieg erinnert an die einst mächtige Gletscherzunge, die hier zu Aschenbrenners Zeiten gelegen und geflossen ist. Es ist kaum vorstellbar, wie schnell dieser massive, hunderte Meter dicke Eispanzer abgeschmolzen ist. Die Überreste des immer noch größten Gletschers Österreichs haben sich bis in den hintersten Winkel des Hochtals zurückgezogen. Als Hinterlassenschaft findet man heute eine Art Mondlandschaft vor. Eine Überquerung des Gletschervorfelds beschreibt sich als mühsam. Wir suchten uns einen Weg durch die vom Wasser zerschürfte Einöde, ehe wir die andere Seite des Tals erreichten. Dort kletterten wir weglos über unzählige Felsblöcke bis unter das sogenannte Glocknerkees unter der Nordwand. Mittlerweile war es dunkel geworden. Im Vordergrund strahlte der weiße Berg. Im Hintergrund leuchteten die Sterne.

Christoph beichtete mir, dass er sich unwohl fühlte. Er war sich bereits bei der Anreise unsicher gewesen, da er gesundheitlich leicht angeschlagen war. Vielleicht spürte er aber auch nur die arbeitsbedingte Erschöpfung nach einer intensiven Woche im Büro. Wir gingen von nun an langsamer. Am Gletscher überkletterten wir eine Hand voll Rippen aus Blankeis. Letzten Endes ging es über eine steile Rinne zum sogenannten Glocknerbiwak. Hier in dieser Rinne löste sich eines meiner Steigeisen. Die Kerbe an der Fußspitze war abgebrochen - das Eisen war ohne Körbchenverbindung also kaum noch am Schuh zu befestigen. Unser Vorhaben stand unter miserablen Vorzeichen.

Der Großglockner im Mondschein

3. Die Türschnalle

Mit Mühe erreichten wir die Biwakschachtel auf 3205m. Wir ordneten unsere Ausrüstung und bereiteten das Abendessen vor. Christoph ging vor die Tür um Schnee zum aufkochen zu besorgen. Er füllte den Topf und zog an der Türschnalle. Dabei löste sie sich. Christoph konnte den Zug nach hinten nicht mehr abbremsen und stürzte. Er flog über die Kante des Podests und landete in der steilen und hartgefrorenen Eisrinne, die wir zuvor hochgestiegen waren. Beim Aufprall hackte er reflexartig seine Schuhspitzen in den Untergrund, wodurch er einen weiteren Absturz gerade noch verhinderte. Wäre ihm das nicht gelungen, hätte er keine Chance mehr gehabt.

Als er das Biwak unbeschadet betrat, erzählte er mir von diesem mehr als haarsträubenden Vorfall. Wir beide waren nun müde, angeschlagen und verunsichert. Am nächsten Morgen wollten wir einfach nur noch sicher ins Tal zurückkehren. Für den bevorstehenden Abstieg schnitzte ich mir mit meinem Messer eine neue Kerbe in die Schuhspitze.

Ich weiß nicht warum - immerhin war diese Nacht kurz und unbequem - aber am nächsten Morgen ging es uns besser. Christoph fühlte keine Symptome mehr und ich feilte am letzten Feinschliff für meine Schuhspitze. Das Steigeisen hielt so erstaunlich gut. Also entschieden wir uns doch für einen Aufstieg. Wir beschlossen zunächst, die leichtere Pallavicinirinne ins Visier zu nehmen. Am Zustiegsweg kamen wir jedoch beim Einstieg der Aschenbrenner vorbei. Da konnten wir nicht anders.

Christoph in der ersten Seillänge

4. Aschenbrenner

Christoph übernahm die erste Seillänge über die Randkluft. Er pickelte über eine dünne und steile Eisglasur, ehe er in die Berglerrinne einbog. Der Vorstieg in dieser ersten Länge erforderte Gefühl. Anschließend wurde das Gelände leichter. Nach einem etwas heikleren Quergang aus der Rinne, fädelten wir erneut in ein etwas steileres und engeres Colouir ein. Der Routenverlauf ist spätestens ab hier vollkommen logisch. Auch die Schwierigkeiten bleiben immer moderat. Die Herausforderung lag eher in der Absicherung. Wir blieben dem klassischen Seilschaftsablauf vor allem aus konditionellen Gründen treu. Zwischensicherungen gab es selten. Die meisten Standplätze bauten wir an unseren gut verankerten Eisgeräten. Fast immer kletterten wir im mehr oder weniger festen Trittfirn. Hier und da fanden wir moderates Mixed-Gelände vor. Im oberen Wanddrittel entschlossen wir uns gegen eine Fortsetzung am Seil. Das Gelände wurde auch hier nicht wirklich schwerer und wir fühlten uns in diesem Modus ebenso wohl. Sogar mein Steigeisen blieb dort wo es hingehört.

Christoph in der Aschenbrennerroute

Irgendwann sahen wir die Gratkante näher kommen. Auf den letzten Metern fühlte ich wie mein Körper in der dünnen Luft in dieser Höhe auf Hochtouren arbeitete. Und dann war es so weit. Wir stiegen direkt beim schönen, goldenen Gipfelkreuz auf 3798m aus der Wand. Die Farbe des Kreuzes blendete mich ebenso wie das Licht der Sonne, die uns nun endlich ins Gesicht schien. Im oberen Wandteil war es schon zapfig gewesen, da kam uns dieser willkomene Lichtblick mehr als entgegen. Die Aussicht genossen wir nur kurz, denn wir wussten, dass uns ein langer Abstieg bevor stand.

Am Glocknergipfel

5. Der unterschätzte Abstieg

Über den Normalweg stiegen wir nun zügig zur Adlersruhe ab, wo wir eine kleine Pause einlegten. Dort haben wir auch Ehsan Kalantari getroffen, mit dem ich wenige Monate später die Matterhorn Nordwand in Angriff nahm. Anschließend ging es über das Hofmannskees zurück in die schattige und schlecht zugängliche Nordseite des Berges. Am Gletscher verloren wir schnell Höhenmeter. Sobald dieser jedoch zu Ende war, fanden wir uns in einer aus Gletscherschliffplatten bestehenden Steilflanke wider. Dieses ohnehin schon schlecht begehbare Gelände gliederte sich in streifenförmige Abschnitte, welche sich durch eingefrorene Bäche und Wasserfälle begrenzten. Der Abstieg gestaltete sich hier besonders mühsam.

Tiefer unten wandelte sich der Untergrund zum groben Blockgelände - auch nicht viel besser! Es brauchte also seine Zeit bis wir bei einbrechender Dunkelheit den Talboden rund um den Pasterzensee erreichten. Hier lag die Herausforderung erneut im Überqueren der Gletscherbäche. Die Dimensionen dieser Mondlandschaft sollte man keineswegs unterschätzen. Es wurde also spät bis wir über den Wanderweg und zuguterletzt über die Stufen neben der Zahnradbahn, unsere Fahrräder und somit die Hochalpenstraße erreichten. Wir packten uns dick ein und ließen es laufen. Die Abfahrt und der Gegenwinden wirkten wie ein doppelter Espresso. Beim Auto angelangt schoben wir die Räder und Rucksäcke in den Kofferraum. Dann ging es zum auftanken ins nächstgelegene Fast-Food-Restaurant.

Ich habe die Schwierigkeit dieser Tour im Vorfeld sicherlich überschätzt. Was den Zu- und Abstieg betrifft, würde ich das Gegenteil behaupten. Christoph organisierte außerdem eine baldige Reparatur der kaputten Türschnalle am Glocknerbiwak.

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Artesonraju