Gr. Bischofsmütze Nordwand
Unsagbar eindrucksvoll! So und nicht anders beschreibt sich diese steile und exponierte Linie in einem unzugänglichen Winkel am Gosaukamm. Bereits der Zustieg ist eine vollständige Tour für sich. Die Abseilfahrt erfordert Aufmerksamkeit. Und der steile Aufstieg durch die Wand? - Der hat sich ins Gedächtnis geschrieben! Die Nordwand der Großen Bischofsmütze bleibt mir als alpine Traumtour in Erinnerung.
Beim Abseilen unterlief uns ein kleiner Orientierungsfehler.
Tiefe
Rund zweieinhalb Stunden nachdem wir bei der Hofalm in Filzmoos gestartet waren, erblickten wir das Gipfelkreuz der Großen Bischofsmütze nun auch aus der Nähe. Mit den letzten Schritten wurden meine Beine schwer - ich hatte zuvor einige Führungstage im Programm und war an dieser Stelle dankbar, dass ich während der nächsten Etappe unserer Tour vor allem im Gurt sitzen werde. Dass auch die Abseilfahrt stellenweise anstrengend wird, hatte ich hier noch nicht am Schirm.
Wir saßen in der Sonne und inhalierten gemeinsam eine Gummibärchen-Packung. Es ist ein bisschen eigenartig, zuerst den Gipfel und dann erst die Wand ins Visier zu nehmen. Immerhin benötigt man so zwei Jausenvorräte für den höchsten Punkt. Nachdem die Gummibärchen und ein Müsliriegel erledigt waren, packte ich die beiden 60m langen Halbseile und kletterte damit das Fixseil entlang abwärts zum ersten Abseilpunkt. Ich konnte diesen Tag so richtig genießen. Ausnahmsweise war ich nicht in einer Führungsrolle unterwegs. Ich musste mir bis zu diesem ersten Abseilpunkt keinen einzigen Gedanken um Absicherung und Seiltechnik machen. Denn das Seil lag bis hierhin im Rucksack - wir bewegten uns fließend und frei über den Fels. Es spielte beim Aufstieg auch keine Rolle, ob wir uns immer am leichtesten Weg orientierten, oder ob wir uns ein paar Meter links oder rechts davon bewegten. Alles floss so dahin und fühlte sich leicht und selbstverständlich an. Doch dieser wohltuende Fluss wurde schon bald unterbrochen.
Beim zweiten Abseiler schwebte ich erneut fließend der Falllinie entlang abwärts und staunte: Die Wand wurde jetzt unbarmherzig steil. Unter mir tat sich eine weit ausladende, überhängende Wand - und das Potential für einen 350m tiefen - und sowas von freien Fall - auf. Während mir der endlos entfernte Boden scheinbar gar nicht näher kam, bewegten sich die Felsstrukturen links und rechts zügig an mir vorbei. Dieser optische Effekt extremer Tiefe und Ausgesetztheit ist selbst für einen Kletterer selten - zumindest in dieser Intensität. Das Staunen ließ mich bestimmt um einen Moment langsamer reagieren: Bis ich verstand, dass ich mich in einen zu ausladenden Überhang hineinmanövriert hatte. Ich beobachtete die abgeknoteten Seilenden unter mir - sie baumelten mit etwa 15m Entfernung zur Wand, frei in der Luft herum. Ich stoppte und begann zu schaukeln. Dabei registrierte ich schnell, dass ich den Felsen so nicht einmal im Traum erreichen würde. Also entnahm ich die erste Reepschnur vom Klettergurt und fädelte mir einen Prusik. Dasselbe wiederholte ich für eine Trittschlinge. Noch nie in meinem Leben hatte ich mich in so spektakulärem Ambiente aufgeprusikt.
Nach einigen Metern stoppte ich und untersuchte meine Umgebung. Ich erkannte rechts unterhalb einen Standplatz und ein kleines Dach, welches sich darüber auftat. Das müsste die Schlüsselstelle unserer späteren Aufstiegsroute sein. Um dort hin zu gelangen musste ich ein paar weitere Meter aufprusiken, schaukeln und mich der Wand entlang hinunter tasten. Mir war klar, dass dies nicht der offizielle Abseilstand sein konnte. Aber ich erahnte auch, dass es unterhalb in annähernder Falllinie weitergehen konnte. Nach ein oder zwei akrobatischen Einlagen erreichte ich den besagten Standplatz und gab Niklas das Kommando zum Nachkommen. Auf den letzten Metern seiner Abseilfahrt entstanden filmreife Aufnahmen.
Nachdem mir Niklas erklärte, dass ich den eigentlichen Abseilstand übersehen hatte, korrigierten wir unsere Linie und fädelten problemlos wieder in die Abseilpiste ein. Ein paar Seillängen später kam er dann doch näher - der Boden unter der Nordwand. Dieser schattige Winkel hat etwas Düsteres. Selbst an diesem wolkenlosen Hochsommertag. Auch der Blick nach oben wirkte zunächst wenig einladend.
Niklas Haid im unteren Teil der Nordwand
2. Nordwand
Nachdem wir uns umsortiert hatten, startete ich mit der ersten Seillänge. Diese war eine der leichtesten, aber auch die mit Abstand hässlichste. Der Fels war splittrig und bröselig und die Linienführung beinhaltete so viele Richtungsänderungen, dass es so gut wie unmöglich war, die störende Seilreibung auszuschalten. Niklas bewältigte die erste 7er-Stelle in der zweiten Seillänge problemlos. Die Kletterei wurde jetzt von Seillänge zu Seillänge schöner und der Fels wurde immer kompakter. Die nächste 7er Passage führte in der vierten Seillänge über eine kleingriffige Platte und einen anschließenden Runout in einem Riss. Niklas ließ sich im Vorstieg keine Unsicherheiten anmerken und stieg souverän.
Die fünfte Seillänge wurde etwas unangenehmer. Hier hielt ich mich geradeaus empor und passierte einen kleinen, brüchigen Überhang mit zwei alten und verrosteten Schlaghaken, die ihren Platz zwischen Moos, Dreck und verwittertem Splitterfels in Anspruch nahmen. Ich befand mich hier erneut in einer unbewusst gewählten Variante. Nach ca. 15 Klettermetern im unteren 7. Grad und ohne ordentliche Zwischensicherung, zweifelte ich langsam aber sicher an meiner Linienwahl. Ich korrigierte und überkletterte einen kleinen Pfeiler zu meiner Rechten. Die restliche Seillänge hielt ich mich erfolgreich entlang der offiziellen Linie, was sowohl der Absicherbarkeit, als auch den Nerven zu Gute kam. Niklas setzte in der sechsten Seillänge über einen exponierten und leider auch triefend nassen Riss fort. Zum Glück bewegten sich die Schwierigkeiten hier nur im 5. bis 6. Grad.
In der unangenehmen fünften Seillänge
3. Klassisch oder Modern
Am darauffolgenden Standplatz putzte ich mir den rutschigen Schleim von den Schuh- und Fingerspitzen. Denn ab hier führt die Linie durch ihren steilsten und klettertechnisch schwierigsten Abschnitt. Im Endeffekt bleiben einem drei Möglichkeiten: Entweder man klettert technisch über einen Bogen über links (6+ - A1; so wie die Erstbegeher), oder man versucht diese Stelle frei zu bewältigen (8-). Die dritte Option wurde viele Jahre nach der Erstbegehung und im modernen Stil eingerichtet. Sie führt geradeaus über einen bauchigen Überhang (8) und eine anschließende Platte. Für mich sah die dritte Variante eindeutig am attraktivsten aus.
Beim ersten Versuch kam ich immerhin über die Schlüsselstelle - den Überhang; rutschte aber beim ersten Zug auf der Platte auf einer kleinen Leiste aus. Das ärgerte mich - immerhin hatte ich die Crux an dieser Stelle so gut wie hinter mir. Beim zweiten Versuch kletterte ich erneut über den Überhang und rastete in der Mitte freihändig mithilfe einer Knieklemme. Diese Passage hätte sich ein Routensetzer in einer großstädtischen Boulderbar nicht besser ausdenken können. Nach dem Überhang erwischte ich nun einen schönen, hinterschnittenen Henkel, anstatt der abschüssigen Leiste. Einige immer leichter werdende Züge später war die Schlüsselseillänge geschafft. Die darauffolgende, kurze Fünfer-Länge hängte ich ohne Zwischenstand hinzu. Niklas benötigte im Nachstieg ebenfalls zwei Versuche. Generell kann ich diese Direktvariante weiterempfehlen, da die Kletterei hier wirklich Freude bereitet. Ob der moderne Absicherungsstil dieser einzelnen Seillänge ins rustikalere Gesamtbild passt, ist eine Streitfrage. Da die ursprüngliche Linie der Erstbegeher unangetastet bleibt, sehe ich mich hier klar auf der befürwortenden Seite.
Unter der Schlüsselstelle
4. Belohnung
Die neunte Seillänge ist so etwas wie eine großzügige Belohnung für alle, die es bis hierher geschafft haben. Eine 40m lange Verschneidung wie aus dem Bilderbuch! Ja! Diese eine Seillänge ist Grund genug, diese Tour überhaupt in Angriff zu nehmen. Für mich gehört sie zu den schönsten Längen in diesem Schwierigkeitsgrad, die ich je geklettert bin.
Anschließend wird das Gelände bis zum Gipfel immer leichter. Auf den letzten Schritten unter dem Kreuz meldeten sich erneut die Oberschenkel. Die zweite Jause freute sich am Gipfel über ihren Einsatz und der Ausblick präsentierte sich im Licht der nun schon etwas tiefer stehenden Sonne. Ein kleiner Moment der Zufriedenheit.
Am Normalweg seilten und kletterten wir passagenweise abwechselnd ab. Dabei bewegten wir uns erneut fließend und zügig abwärts. Leider mussten wir am Wandfuß feststellen, dass Niklas` Wanderstöcke verschwunden waren. Möge sich der Dieb damit “dasteßen”! Unsere Laune ließen wir uns davon nicht verderben. Die End-Führe in der Nordwand der Großen Bischofsmütze ist tatsächlich eine Tour, die sich ihren Platz im Gedächtnis (und nicht nur “Im Extremen Fels”) verdient hat. Trotz der Sanierung behält sie ihren alpinen Anspruch, als auch ihren bemerkenswerten Erlebniswert. Vor allem dann, wenn man sich voll fließender Leichtigkeit ein oder zwei Mal in diverse Sackgassen manövriert.
In der schönen neunten Seillänge