Durch die Wand der Wände! Am 01. und 02. Mai 2025 war es für mich und meinen Seilpartner Christoph - Blumi - Blumrich soweit. Gemeinsam kletterten wir in eineinhalb Tagen durch die höchste und berühmteste Alpenwand. Wir erlebten den Eiger als ausgesprochen positive und schöne Erfahrung. Obendrein beobachteten wir den wahrscheinlich eindrucksvollsten Sonnenuntergang der uns bis dato geboten wurde.

Blick auf die Eigernordwand - von der Kleinen Scheidegg aus gesehen.

  1. Odysseen

Nach meiner kleinen Odyssee durch die Matterhorn-Nordwand im April, meldete sich Christoph telefonisch bei mir. Er gratulierte mir und fragte mich, ob ich mit ihm als nächstes den Eiger angehen möchte. Da musste ich nicht lange überlegen, immerhin sind wir beide ein eingespieltes Team am Berg.

Wir vereinbarten einen Termin Anfang Mai und wie durch einen Wink des Teufels sollte sich das Wetter ab 27. April stabilisieren. Wir beobachteten von nun an die Webcam - und bereits am frühen Morgen des 28. April erkannten wir zwei Stirnlampen im Einstiegsbereich. Wir packten unsere Sachen und fuhren am 30. April nach Grindelwald. Im Auto plauderten wir über Gott und die Welt, sodass uns erst kurz vor unserer Ankunft bewusst wurde, was uns in den kommenden Tagen erwarten wird. Als wir die Wand zum ersten Mal aus dem Autofenster sahen, blieben wir kurz stehen und stärkten uns mit einer gehaltvollen Jause.

Mit der Seilbahn ging es hinauf zur Station Eigergletscher. Dort platzierten wir unsere Sachen auf einer großen Terrasse. Die letzten Touristen und Ausflügler waren gerade im Begriff zu gehen, da erblickten wir in der Ferne zwei wankende Gestalten die sich langsam aber stetig über die sonnenbeschienene Westflanke herunterbemühten. Waren das noch immer die von Vor-Vorgestern, oder war inzwischen eine weitere Seilschaft in die Wand gestiegen? Als sie der Station näher kamen, erkannten wir ihren Zustand - die beiden sahen aus als kämen sie vom Krieg zurück. Sie waren gezeichnet! - von einer Erfahrung die weit außerhalb jeglicher Komfortzonen stattfinden musste. Wir gratulierten den beiden tapferen Engländern und ließen uns ihre Geschichte erzählen. Sie berichteten uns von einer dreitägigen Odyssee mit schwierigen Verhältnissen, einem plötzlichen Wetterumbruch und einer notdürftigen Nacht im Cortibiwak. An dieser Stelle muss man dazusagen, dass das kein richtiger Biwakplatz ist - dort oben kann man notdürftig auf einer halben Backe sitzen, bzw. im Seil hängen. Eine furchtbare Erfahrung muss das gewesen sein! Sie hatten nicht einmal die Möglichkeit, ihren Schlafsack zu benutzen. Wir bedankten uns für den Erlebnisbericht und zogen uns etwas verunsichert auf unsere Terrasse zurück.

2. Schneehühner und Quergänge

Da fing bei mir das Kopfkino an. Frische Erinnerungen an die eiskalte Nacht im Notbiwak hoch oben am Matterhorn kamen auf. Zum Glück fanden wir beide ein wenig Schlaf, ehe um 01:30 der schrille Wecker ertönte. Ich muss zugeben, ich freute mich sehr, dass es endlich losging. Dieses Hinpassen in den letzten Stunden vor Anpfiff ist einfach das Letzte! Bereits kurz nach 02:00 ging es los - zunächst mühsam! Denn der Schnee im Zustiegsbereich war alles andere als hart und durchgefroren. Wir wateten durch den Bruchharsch und ließen bereits beim Zustieg Zeit liegen. Christoph kam knapp unter der Wand in eine kurze Konfliktsituation mit einem Schneehuhn. Dieses hatte es sich in einem der Fußstapfen der Engländer gemütlich gemacht. Zum Glück blieben beide - also Christoph und das Schneehuhn unverletzt.

Ja die ersten 800 Höhenmeter der Eigerwand verstehen sich wirklich eher als Aufwärmgelände. Die Qualität des Trittschnees wurde hier außerdem bedeutend besser! Wir pickelten seilfrei und im Schein der Stirmlampen bis unter die bedrohlich-steile Rote Fluh. Bis hierhin mussten wir ein paar moderate Fels- und Mixedpassagen bewältigen. Doch jetzt wurde es interessant - denn um zur ersten Schlüsselstelle - dem Schwierigen Riss zu gelangen, mussten wir eine penibel exponierte Rechtsquerung ohne jegliche Absicherungsmöglichkeiten hinter uns bringen. Wir waren uns ohne das Vorhandensein der Spuren auch nicht sicher, ob dieses eine schmale Band wirklich das Richtige sei. Nach ca. 50m erreichten wir einen geschlagenen Stand.

Christoph blickt in den exponierten Quergang.

Hier sollte es also losgehen! Wir zogen das Seil aus dem Rucksack und sortierten uns für die erste senkrechte Kletterpassage - den Schwierigen Riss! Für mich bot sich hier ein eindrucksvolles Schauspiel! Während Christoph im Vorstieg unverblühmt ins erste Schlingerl griff, zog im Hintergrund der erste rosarote Schleier über den östlich gelegenen Horizont empor. Wunderschön! - dachte ich - bis mich das Gekrachtze der Steigeisen zurück in diese Welt holte. Im Nachstieg war ich dem Christoph dankbar, dass er sich für diesen Kaltstart aufopferte. Denn der Schwierige Riss hält was er verspricht!

Kurz vor dem Hinterstoißer Quergang.

Die nächsten paar Seillängen waren schön zu klettern und nicht all zu schwer. Bis ich für eine 70-80° geneigte Eisplatte vergessen hatte, die Eisschrauben von Christophs Gurt für meinen Vorstieg mitzunehmen. Aber gut - Immerhin war es auch für mich Zeit, wach zu werden! Wir hangelten uns über das Fixseil im Hinterstoißer Quergang und erreichten das erste Eisfeld. Weiter ging es über einen glatten Kamin und den sogenannten Eisschlauch ins große, zweite Eisfeld. Das Eis im Eisschlauch war schon recht dünn, aber es reichte für meine 80kg Kampfgewicht gerade noch aus. Zwischen erstem Eisfeld und dem Bügeleisen kletterten wir simultan. Zweiteres bot hervorragende, technisch ausgerichtete Kletterei - das Bügeleisen gehörte für mich zu den besten Passagen am Eiger. Es war gerade einmal 10:30, als wir oben im Todesbiwak unsere erste Pause einlegten und eine Kleinigkeit frühstückten. Ich dachte mir, dass wir heute Abend womögich schon wieder unten im Tal Abendessen würden.

Unter dem sogenannten Bügeleisen

3. Arbeitsteilung

Doch der Schein trügte! Denn spätestens ab hier wird der Mythos Eiger seinem klingenden Namen gerecht. Die Seillängen der sogenannten Rampe überraschten mit einigen difizilen und technisch anspruchsvollen Kletterstellen. Es war uns klar, dass hier einiges an Eis fehlte! Dennoch erreichten wir frohen Mutes die angeblich schwierigste Seillänge der gesamten Tour - den berüchtigten Wasserfallkamin. Hier hatte sich Anderl Heckmair dazumal an einem zusammengewachsenen Eiszapfen über den Überhang gezogen. Christoph baute ca. 15-20m unter dem eigentlichen Kamin Stand. Ich kletterte zunächst leicht abwärts querend nach links und nun gerade hinauf über einen trockenen Felsriegel. Ohne Eisauflage forderte mich diese Passage zum Schweißperlenspiel heraus! Immerhin musste ich mich mit einer bis zur Hälfte eingedrehten 10er Schraube als einzige Zwischensicherung zufrieden geben. Der kleinste Klemmkeil den ich dazugelegt hatte, diente nicht einmal der Psyche. Christoph sagte mir rechts um die Ecke ein paar Hooks für meine Eisgeräte an, die ich ohne seine Hilfe nie lokalisiert hätte. Ein bisschen durchgebeutelt stand ich nun unter dem überhängenden Wasserfallkamin. Ich drehte eine Eisschraube ein. Und dann noch eine. Und dann sah ich zum Christoph hinüber - und er wusste schnell: Diese Heldentat war ihm überlassen.

Der schwierige Wasserfallkamin

Ein schlechtes Gewissen hatte ich schon, wie ich ihm da im Vorstieg zuschaute. Er kämpfte! Und meisterte den ebenfalls viel zu trockenen Kamin dennoch mit Bravour! Am Ende der schwierigsten Schwierigkeiten jubelten wir beide und freuten uns! Selbst im Nachstieg fühlte ich den Sog der Schwerkraft auf mich wirken. Ja! Der Wasserfallkamin bildet tatsächlich die schwierigste Passage dieser Wand. Aber auch die darauffolgende Seillänge hatte es in sich. Zunächst ging es nach links, um auf einer hauchdünnen Eisglasur auf einen weiteren, bauchigen Überhang zu zutänzeln. Ein paar kräftige Züge später fand ich mich in einer Schneerinne wieder, die sich wirklich erlösend anfühlte.

Hier ging es einige Seillängen gerade hinauf und anschließend nach rechts ins Brüchige Band und unter den Brüchigen Riss. Unserer Wechselführung zufolge wäre hier schon wieder der arme Christoph mit dem Vorstieg dran gewesen. Aber das konnte ich weder ihm, noch meinem eigenen Ego antun! Also sicherte ich ihm zu, dass ich mich hier für seinen Lead im Wasserfallkamin revanchieren würde. Gleichzeitig beschlossen wir, am oberen Ende der Seillänge Feierabend zu machen. Es war noch nicht spät, aber wir fühlten uns müde und ausgelaugt. Ich kletterte über den ersten, kleinen Überhang zum Brüchigen Riss und spürte, wie oberarm sich meine Oberarme bereits anfühlten. Auch mental hatte ich genug des Guten. Langsam arbeitete ich mich über diesen spektakulär exponierten Riss empor, ehe mir am oberen Standplatz die Sonne entgegen blinselte. Christoph kam zügig nach und wir begannen mit der Errichtung unseres Biwaks.

Biwak im Götterquergang

4. Götterbiwak

Dazu hackten wir uns zunächst eine schulterbreite Liegefläche aus dem Eis. Wir sortierten unser Equipment, schlüpften in den Schlafsack und beobachteten wie die Sonne langsam dem westlichen Horizont entgegen schritt. Nebenbei lauschten wir dem beruhigten Bläschenblubbern der kochenden Fertigsuppe. Ich erinnere mich gerne an diesen friedlichen Moment zurück. Ein Sonnenuntergang im Götterquergang, hoch oben in der Eigernordwand - das ist eine Erinnerung für die Ewigkeit.

Die Nacht war in jedem Fall angenehmer als jene am Matterhorn. Wir bekamen beide akzeptablen Schlaf und richteten uns im Morgengrauen für den Weiterweg. Ich fühlte mich klar und erholt und führte uns durch die fünf Seillängen des Götterquergangs - bis in die berühmte Weiße Spinne.

Morgenstimmung im Götterquergang

5. Finale

Hier übernahm Christoph wieder den Lead. Zuversichtlich stapften wir der Headwall entgegen. Als wir bei den Spuren des Corti- oder sagen wir Engländerbiwaks vorbeikamen, lief uns ein Schaudern über den Rücken. Die Seillängen im Fels wurden zunehmend schwieriger, als wir unter der nächsten Schlüsselstelle - dem sogenannten Quarzriss angekommen waren. Ich startete in den von Quarzadern durchzogenen Körperriss.

Die Kletterei machte mir reichlich Freude - bis ich auf einem kleinen Absatz landete, wo ich mir nicht sicher war wie es jetzt weitergehen soll. Geradeaus hätte ich in einen glatten, plattigen Riss ohne von hier aus sichtbare Sicherungsmöglichkeiten steigen können. Weiter links steckte ein Haken in einer senkrechten Pfeilerwand. Ich war der Meinung, dass es links leichter wäre, musste aber Stand bauen, da ich im Quergang eine ungute Seilreibung riskiert hätte. Christoph kletterte im Vorstieg rund um die Pfeilerwand und verschwand in einem vereisten Kamin. Da hörte ich ihn zweifeln: “Ich bin nicht sicher, ob mich das Eis hält”. Erneut bekam ich es mit schlechtem Gewissen zu tun und hoffte, dass Christoph jetzt keinen Fehler machte. Ich antwortete ihm: “Komm zurück! Wir schauen uns das an”. Er erwiderte: “Zu spät”. Kurz darauf hörte ich ihm bei seiner - nicht unbedingt vorsichtigen - aber sehr entschlossenen - Flucht nach oben zu. Die kommenden Sekunden waren spannender als jeder Actionfilm. Christoph entkam dem Kamin und baute wenige Meter weiter oben Stand. Im Nachstieg kletterte ich vorsichtig an den letzten, mikrigen Eisresten, die jetzt noch übrig waren. Aus der erhöhten Perspektive am Standplatz erkannten wir, dass der obere Teil des Quarzrisses tatsächlich über die rechte Linie geführt hätte.

Christoph quert in den vereisten Kamin.

Als Nächstes querten wir schräg absteigend unter die sogenannten Ausstiegsrisse. Diese drei Seillängen zeichneten sich mit schöner und homogener Kletterei aus. Hier oben kann man vor allem mit einer präzisen Steigtechnik brillieren. Noch weiter oben legte sich die Wand allmählich zurück. Die folgenden Klettermeter wurden immer einfacher, waren aber kaum noch abzusichern. Zuguterletzt erreichten wir das Gipfeleisfeld. Hier pressten wir den letzten Saft aus unserer schwer angeschlagenen Wadenmuskulatur.

Christoph dockte als Erstes oben am Grat an. Ich hörte ihn jodeln - aber ich glaube das war weil ihm die Waden schon so brannten. Gemeinsam gingen wir die letzten Meter am Mittelegigrat - Ein erhabenes Gefühl! Die Sonne schien vom Himmel und wir ließen unseren Blick über das prächtige Panorama der Berner Alpen schweifen. In diesen Momenten erlebten wir die Erfüllung eines lang gehegten Traums. Wir waren angekommen - auf 3970m - am Eigergipfel!

Am Mittelegigrat

6. Mythos Eiger

Nach einer ausgiebigen Pause stiegen wir über die Westflanke zurück zur Station Eigergletscher. Auf den letzten paar hundert Metern fühlte ich wie die Erschöpfung meinen Körper besiedelte. Jetzt war es Zeit, dass diese Reise über den Eiger ein Ende nahm. Wir stiegen in die Bahn und fuhren das kleine Stück hinab zur Kleinen Scheidegg. Hier genehmigten wir uns zwei Fläschchen Rivella. Wir blickten zurück in diese Wand der Wände - ins sogenannte “letzte Problem der Alpen”, in die “Mordwand” - den “Mythos Eiger” - Jetzt gehörten wir zu den Glücklichen, die diesen berühmt-berüchtigten Pfad einmal im Leben beschreiten durften. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass uns an dieser Stelle keine Träne entkam.

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Matterhorn Nordwand