Das Matterhorn gehört zweilfellos zu den schönsten und berühmtesten Bergen dieser Welt. Zusammen mit dem Mont Blanc gilt es als das Aushängeschild der Alpen und als Symbol für die Schweiz. Bergsteiger haben im Matterhorn immer eine Bühne gesehen. Keine einzige der vielen Routen auf den Gipfel beschreibt sich als einfach. Aber vor allem ist es die über 1000m hohe Nordwand, die ambitionierte Alpinisten in ihren Bann zieht. Auch Ehsan und ich sind begeistert von dieser mächtigen Eiswand. Im April 2025 erleben wir eine kleine Odyssee. Unser Vorhaben läuft nicht wie geplant.

Beim Zustieg zur Hörnlihütte

  1. Überlegungen

Es ist der 08. April 2025 - Ehsan Kalantari und ich entscheiden uns erst wenige Stunden vor Abfahrt, die Tour in Angriff zu nehmen. Ich weiß noch ganz genau, dass ich mir nicht sicher war mit dieser Entscheidung. Ja - es war April und am Matterhorn ist es zu dieser Jahreszeit tief winterlich. Aber dieser Winter war anders - es hatte kaum geschneit und die Verhältnisse könnten trotz allem zu trocken sein. Wir wussten, dass am Eiger perfekte Bedingungen herrschten, aber wir wussten auch, dass am Matterhorn wenige Tage zuvor eine Seilschaft aus der Wand geflogen wurde. Von erfolgreichen Begehungen war in dieser Saison noch nicht die Rede.

Zunächst schlug ich uns eine einfache Skitour aufs nahegelegene Allalinhorn, als Akklimatisierungsmaßnahme vor. Das würde uns nur einen Tag und kaum Kraft kosten. Dann ließ ich mich aber dazu überreden, bereits sofort, also am Tag nach der Anreise zur Hörnlihütte aufzusteigen. Immerhin hätten wir dann nach unserem angestrebten Gipfeltag, eineinhalb weitere stabile Tage als Zeitpolster. Diese Überlegung ist nachvollziehbar, aber auch naiv. Für meinen planerischen Fehler musste ich teuer bezahlen.

2. Sketchy Conditions

Den 09. April verbrachten wir im Auto. Und am Folgetag packten wir unseren Rucksack und spazierten durch Zermatt. Hier kam meinerseits erstmals Vorfreude auf. Das Wetter war hervorragend und das Matterhorn präsentierte sich stolz im Licht der Frühjahrssone. Ehsan und ich fuhren mit der Seilbahn zur Station Schwarzsee, von wo aus wir mit dem gemütlichen Zustieg zur Hörnlihütte fortsetzten. Als wir bei der Hütte ankamen, beobachteten wir zwei Bergsteiger, die gerade über die Ostwand abkletterten. Wenig später stellte sich heraus, dass es sich dabei um Benjamin Vedrines und Leo Billon - also um Weltklassealpinisten allererster Güte handelte. Die beiden waren zuvor schon auf den Eiger geklettert und sollten als nächstes die Grand Jorasses besteigen. Sie berichteten uns von “sketchy conditions” mit einigen unangenehmen Passagen. Es habe wenig Eis und viele der abwärts geneigten Felsplatten seien mit einer dünnen Schicht aus haltlosem Zuckerschnee überdeckt.

Bald darauf erreichten zwei weitere Seilschaften die Hörnlihütte - eine Frau und ein Mann aus der Schweiz, bzw. aus Frankreich. Und ein rumänisches Duo. Zweitere wirkten ziemlich nervös, sie berichteten von mehreren gescheiterten Versuchen in der Vergangenheit. Ehsan und ich zogen uns aus den Gesprächen zurück und fanden ein wenig Ruhe.

Das Matterhorn im Abendlicht

Um 04:00 Morgens starteten wir unsere Tour. Die Rumänen waren wach, wollten aber bis morgen warten, ehe sie einen Versuch wagten. Die beiden anderen waren vor uns losgegangen. Wir holten sie am Wandfuß ein und stellten fest, dass sie bald darauf umkehrten. Wir wissen nicht genau warum. Nun gehörte uns die Wand alleine. Die Spuren von Benjamin und Leo waren leider kaum noch zu erkennen.

Nach der relativ einfachen Einstiegsrampe erkannten wir schnell, wovon die beiden am Vortag berichtet hatten. Schon unterhalb der Rampe mussten wir ohne die Option auf eine zureichende Absicherung, auf locker-eingeschneiten Platten um unser Leben tänzeln. Anschließend erreichten wir ein kleines Eisfeld, bevor wir in die sogenannte Rampe einfädelten. Auch hier fehlte es an Eis. Seillänge für Seillänge stiegen wir höher, ehe uns die Zeit zwischen den Fingern davon rannte. Ich weiß noch ganz genau, dass ich hier bereits häufig auf die Uhr geschaut hab. Ich musste nicht lange rechnen, um festzustellen, dass sich ein Abstieg vor Einbruch der Dunkelheit kaum ausgehen kann. Ich hatte die Hoffnung, dass wir zumindest bis zum Solvaybiwak schaffen könnten.

Am Beginn der Rampe

3. Die gnadenlose Wand

In den Quergängen nach der Rampe wurden die Bedingungen noch schlechter. Hier fanden wir kaum noch Halt auf den abschüssigen Felsplatten. Und noch weniger war es möglich, ausreichende Sicherungen zu platzieren. Ab und zu brachte ich einen Friend oder Keil unter und ganz selten mal eine Eisschraube. In vielen Seillängen mussten wir uns mit einer oder zwei Zwischensicherungen zufrieden geben. Die Kletterei war nie extrem schwer, aber sie war unangenehm.

Erst im Bereich des Eisfalls wurde es besser. Wir konnten hier drei oder vier Seillängen in solidem Eis zurücklegen, ehe wir in eine erneut viel zu trockene Headwall einbogen.

Unter dem Eisfall

Bis hierher machte uns die Kletterei dennoch immer wieder viel Freude. Immerhin haben wir damit gerechnet, dass man am Matterhorn auch mal Mut beweisen muss. Beeindruckt hat mich außerdem die außergewöhnliche Exponiertheit in dieser Wand. Ich erinnere mich an genau eine einzige Stelle, in der man sich kurz hinsetzen hätte können. Ansonsten gab es nie Terrassen oder Podeste. Die Wand fühlte sich erhaben und ein bisschen gnadenlos an - vor allem ab jenem Punkt, ab dem sich auch mein Körper meldete.

Quergang in den oberen Wandteil

Spätestens ab diesem Quergang ging es mit mir bergab. Ich hechelte nach Luft, bekam stechende Kopfschmerzen und mein Herz raste als gäbe es kein Morgen. Gleichzeitig senkte sich die Sonne und es wurde kälter. Ich beichtete Ehsan meine Gebrechen, aber vor allem meine Bedenken. Wir entschieden uns für eine langsame aber kontinuierliche Fortsetzung. Abseilen ist in dieser Wand ohnehin nicht denkbar und den Hubschrauber wollten wir nur im äußersten Notfall alarmieren. Ehsan überhahm bald darauf die alleinige Führung. Ich versuchte währenddessen die Symptome meiner immer schlimmer werdenden Höhenkrankheit auszuhalten. Die Kälte verschlechterte meine Verfassung spätestens ab Einbruch der Nacht zusätzlich. Mit viel Mühe kletterte ich dem gespannten Seil hinterher. Ich verlor jedes Zeitgefühl und konnte mich auch nicht mehr orientieren.

4. Das Salz der Suppe

An die obersten Seillängen kann ich mich deshalb kaum erinnern. Irgendwann erkannte ich, dass Ehsan oben am Grat ankam. Nachdem ich ihm hinterher geklettert war, richteten wir uns ein notdürftiges Sitzbiwak auf einer Schneewechte ein. Wir saßen auf unseren Rucksäcken und stülpten uns Biwaksäcke über den Kopf. Ehsan kochte Suppe und Tee. Der heiße Dampf und das Salz der Suppe holten mich für eine kurze Zeit zurück in diese Welt. Ich freute mich sehr über das Essen und konnte sogar für eine knappe Stunde schlafen. Nach dem aufwachen fühlte ich mich erneut leer und kraftlos. Ich konnte mich kaum dazu überwinden aufzustehen. Doch die Kälte saß jetzt immer tiefer in den Knochen. Auch wenn es ganzkörperlich weh tat - wir mussten hier weg. Wir mussten uns bewegen!

Im Notbiwak am Zmuttgrat

Zunächst startete ich mit dem Lead am laufenden Seil. Dabei musste ich mich zu jeder noch so kleinen Bewegung überwinden. Irgendwann erkannte ich, dass sich an meinem Zustand kaum etwas verbessert hatte. Ich blieb auf einem größeren Felsblock stehen und beobachtete meine Schuhspitzen. Dabei hatte ich das Gefühl, dass sich alles rund um mich herum bewegte und drehte. Ich blickte nach vorne und sah einen spitzen Gratzacken. Sollte ich da links vorbei oder oben drüber? Beides wirkte unmöglich, da sich ja alles drehte - als würde die Schwerkraft einmal aus der einen und dann wieder aus der anderen Richtung ziehen. Ich setzte mich hin und legte eine Schlinge über ein Felsköpfl, damit ich Ehsan nachsichern konnte.

Dann gestand ich ihm erneut meine Beschwerden. Und wieder motivierte er mich und wir machten weiter. Ehsan übernahm die Führung und langsam aber beständig näherten wir uns dem Gipfel. Ich kann mich noch an eine Kletterstelle erinnern, die sich in diesem Zustand wie ein fast unüberwindbares Hindernis anfühlte. Nach der Bewältigung des “Problems” und dem damit in Verbindung stehenden Kraftaufwand, ging es mir noch katastrophaler. Ich hoffte nach jeder Seillänge auf den Gipfel, doch der Berg ragte unendlich oft noch höher hinauf in den schwarzen Nachthimmel. Ich suchte erneut das Gespräch mit Ehsan. Wir diskutierten über den Abstieg und über die Frage ob dieser in meinem Zustand überhaupt noch möglich sei. Wie sollte ich mit diesen grässlichen Symptomen über so einen langen Felsgrat abklettern? Im tiefsten Moment der Verzweiflung ließ ich meinen Blick über den Horizont schweifen. Da erkannte ich den ersten Farbschimmer am Himmel. Der Sonnenaufgang war in Sicht. Und ich kann kaum beschreiben, was das in mir auslöste.

5. Hoffnung

Ich beendete das Gespräch mit den Worten “Ehsan wir machen weiter”. Auch ihm war aufgrund des langsamen Tempos sehr kalt geworden, also dauerte es nicht lange, bis er duchstartete. In den letzten beiden Seillängen kämpfte ich weiterhin gewaltsam gegen meine Symptome an. Dennoch hatte das Licht am Horizont eine Art Kraft in mir entfesselt. Kurze Zeit später standen wir neben dem kleinen Gipfelkreuz am Matterhorn.

Hier oben pfiff der Wind über den Berg. Doch das hinderte uns nicht daran, kurz inne zu halten. Der Himmel färbte sich in immer intensivere Farbtöne. Trotz der Kälte und der Schmerzen wusste ich diesen besonderen Moment zu schätzen. Ich ließ den unbeschreiblichen Ausblick noch ein paar Sekunden lang auf mich wirken, während Ehsan über den Schweizergipfel in Richtung Hörnligrat maschierte. Nachdem ich den Moment fotografisch festhielt, folgte ich ihm nach.

Am Matterhorn-Gipfel

Das Gelände in den sogenannten “Dächern” war deutlich einfacher wie am zuvor bekletterten Zmuttgrat. Dadurch konnten wir uns jetzt flüssiger bewegen. Gleichzeitig näherte sich der Sonnenaufgang. Als es endlich soweit war, blieben wir erneut stehen und beobachteten dieses faszinierende Schauspiel. Ich fühlte mich noch immer krank und miserabel, aber ich wusste trotzdem, dass wir es irgendwie schaffen werden.

Die Sonne geht auf!

6. Ein langer Abstieg

Über die sogenannte “Schulter” seilten wir größtenteils ab. Danach kletterten wir den Grat entlang. Zunächst ging es zügig dahin. Weiter unten wurden wir wieder langsamer. Die Wärme der Sonne holte uns nach einem verbitterten Kampf und einem anschließenden Hoch, in einen Zustand der tiefen Müdigkeit zurück. Wir verstauten die Seile im Rucksack - ab jetzt bewegten wir uns wieder einzeln. Die kommende Passage oberhalb des Solvaybiwaks fühlte sich wie ein müsamer Kraftakt an. Trotzdem verbesserte sich mein körperlicher Zustand. Die Symptome der Höhenkrankheit verließen mich zunehmend. Ab der Biwakschachtel kletterten wir über die eingeschneite Ostwand ab. Obwohl sie meine Beine schwer anfühlten, bekam ich hier regelrechte Energieschübe. Unterhalb von 3900m fühlte ich mich wieder lebendig. Ich suchte mit voller Aufmerksamkeit nach einem möglichst einfachen Weg durch die Wand.

Am Hörnligrat

Es störte mich kaum, dass ich zwei, drei Mal in einer Sackgasse landete und wieder ein Stück aufsteigen musste. Mit Hilfe von Fotos vom Vortag navigierten wir uns durch die Wandflucht. Irgendwann durchkletterten wir die letzte Rinne und überquerten den Bergschrund. Den Quergang zur Hörnlihütte legte ich fast im Laufschritt zurück. Ehsan kam in etwa eine halbe Stunde später dort an. Er hatte sich kurz vor der Ankunft noch einmal in den Schnee gesetzt. Als ich ihn von der Terrasse aus beobachtete, wurde mir klar, was er da oben für uns geleistet hatte. Ohne ihn hätte ich es nicht einmal bis zum Biwakplatz geschafft. Er führte uns als Seilschaft durch diese bitterkalte Nacht. Dafür werde ich ihm immer dankbar sein.

Während unsere Ausrüstung in der Sonne trocknete, aßen wir die letzten Reste unserer Verpflegung. Einen Teil davon hatten wir ja bei der Hütte gelagert. Nach einer langen Pause packten wir erneut unsere Rucksäcke und stiegen ab. Wir verpassten die letzte Seilbahn von der Station Schwarzsee - dadurch mussten wir den Weg bis nach Zermatt zu Fuß zurücklegen. Obwohl wir eine kleine Odyssee hinter uns hatten, störte uns das kaum. Die Ankunft im Tal wurde meinerseits mit einer Dusche im Gletscherbach zelebriert. Obwohl wir beide nur noch humpelten, fühlten wir uns erleichtert und dankbar für diese besondere Erfahrung.

Unsere Tour am Matterhorn

Wir kehrten im Mattertal in eine Pizzeria ein. Anschließend suchten wir uns ein ruhiges Plätzchen, um im Schlafsack neben dem Auto zu übernachten. Immerhin spielte Komfort jetzt keine Rolle mehr. Wir hätten in diesem Zustand überall schlafen können. Am 12. April fuhren wir zufrieden und entspannt nach Hause.

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