Hochschwab Skiüberschreitung - eine spätwinterliche Durchquerung der steirischen Wildnis
Im März 2023 machte ich mich auf den Weg, um das Hochschwabgebirge der Länge nach zu überqueren. Mein Skimarathon führte mich vom Leopoldsteiner See bei Eisenerz, über die Sonnschienalm und weiter aufs Hochplateau zum Gipfel und schlussendlich nach Seewiesen. Ich fand Einsamkeit und Ruhe in dieser sanft-ausgedehnten Gebirgslandschaft. Der Hochschwab zeigte sich von seiner friedlichen und zugleich unwirtlichen Seite.
Startschuss am Leopoldsteiner See
Into the Wild
Am 11. März 2023 machte ich mich mit Bahn und Bus auf den weiten Weg ins abgelegene Eisenerz. Um ca. 14:00 erreichte ich den sagenumwobenen Leopoldsteiner See. Hier spazierte ich zunächst die südlich gelegene Seepromenade entlang - die Skier selbstverständlich auf den Rucksack geschnallt. Ich begegnete ein paar Spaziergängern - sie sollten die letzten Menschen sein, die ich auf dieser einsamen Überschreitung antreffen werde.
Hinter dem See ging ich noch eine Zeit lang flach ansteigend, die Auenlandschaft entlang. Bald wurde es steiler und ich konnte allmählich an Höhe gewinnen. Auf ca. 900m erreichte ich die durchgehende Schneedecke und schnallte die Skier an. Über einen schlangenförmigen Forstweg spurte ich hinauf ins Gebirge. Im Latschengürtel angelangt, senkte sich langsam die Sonne gegen den Horizont. Eine leise Briese strich sanft über den Schnee und ich spürte wie es kühler wurde.
Ich weiß nicht wie ich es sonst beschreiben soll, aber dieser westliche Hochschwab ist wirklich ein Ort an dem sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. Auch ich suchte mir bei einbrechender Dunkelheit ein Plätzchen an dem ich mir selbst Gute Nacht sagen konnte. Doch das wurde zur Herausforderung. Denn mit einbrechender Dämmerung frischten auch die Windböen auf. Ich machte mich also auf die Suche nach einem geschützten Winkel im Lee. Nachdem ich im weitläufigen Hochtal nicht sofort so eine Stelle finden konnte, wurde es dunkel. Und ich rannte noch immer durch die Pampa. Ohne Plan - aber zumindest mit einem Ziel.
Düstere Einsamkeit im westlichen Hochschwab
2. Zeltjagd
Ca. 30 Minuten später beschloss ich mich mit einer simplen Grube im coupierten Gelände zufrieden zu geben. Ich nahm den Rucksack herunter und begann damit, das Zelt aufzubauen. Die Idee zu dieser Tour war mir ja gerade wegen diesem Zelt gekommen. Kurz zuvor hatte ich es bestellt, erhalten und einmal probeweise im Wohnzimmer aufgestellt. Jetzt wollte ich es bei Minusgraden und im Gebirge testen. Denn wenige Monate später sollte es in Peru auf über 5000m und bei wiederum deutlich niedrigeren Temperaturen standhalten. Da wollte ich nichts dem Zufall überlassen. Denn mit Zelten hatte ich ja generell kaum Erfahrung. Bisher biwakierte ich im Winter nur zwei Mal draußen: Einmal komplett “Outdoor” - also mit Schlafsack und Isomatte - und einmal in einer selbstgebastelten Schneehöhle. Beide Erfahrungen wollte ich kein zweites Mal machen.
Aber zurück zum Zeltaufbau am Hochschwab: Als ich das Innenzelt errichtet hatte, sah ich, dass wenige Meter weiter eine tiefere Grube lag, in der ich wohl besseren Schutz finden konnte. Ich packte das halbfertig aufgebaute Zelt und brachte es genau dorthin. Tatsächlich war es hier so gut wie windstill. Provisorisch fixierte ich das Zelt und stapfte retour, um meinen Rucksack und die Skier zu holen. Am Rückweg traf mich der Schlag! Das Zelt hatte sich wie von Geisterhand in Bewegung gesetzt. Es hüpfte auf seinen vier Ecken über den Schnee - als wäre dort jeweils ein kleines Beinchen dran. Das Zelt sah so aus, als hätte es große Freude daran “endlich frei zu sein”! Wie absurd! Ich jagde der orange-roten Kuppel im Skischuh-Sprint hinterher und fasste es an der Spitze. Dann trug ich es zurück in die Grube und finalisierte den Aufbau.
Zeltbiwak am Nirgendwo
3. Kaloriendefizit
Nun war es Zeit fürs Abendessen. Und ich weiß wirklich nicht was ich mir beim Rucksack packen zuvor gedacht hatte. Aber mehr wie eine kleine Packung Instandnudeln hatte ich nicht eingeplant für diesen Abend. Das Essen erinnerte an einen Besuch im Haubenlokal: Echt gut, aber viel zu wenig! Mit hungrigem Magen legte ich mich “zu Bett”. Am nächsten Morgen gab es dann auch nicht mehr wie einen mageren Müslisriegel. Einen Zweiten sparte ich für unterwegs auf. Dann packte ich die Sachen und machte mich auf den Weg.
Bei aufgehender Sonne navigierte ich durchs endlos coupierte Gelände. Es war wirklich schön, der Natur beim morgendlichen Erwachen zuzuhören. Auch das Wetter wurde wieder freundlicher und man konnte fast schon den Frühling in der Luft riechen - auch wenn hier oben noch meterhoher Schnee den Boden bedeckte.
Morgenrot auf der Sonnschienalm
Nach einer kurzen Abfahrt erreichte ich das geografische Zentrum des Hochschwabmassivs. Auf der sogenannten Sonnschienalm spazierte ich bei einem kleinen Almendorf vorbei. Auch hier konnte ich keine menschlichen Spuren erkennen. Das flache Gelände tat gut, um Meter zu machen. Bisher war es ja ständig auf- und ab gegangen - fast ausschließlich auf Fellen.
Einige Zeit später erreichte ich die sogenannte Herrenalm. Von hier aus betritt man das Hochgebirge. Beim Aufstieg oberhalb der Hütte spürte ich, wie meine Energiereserven nachließen. Ich hatte großen Hunger und fühlte den nagenden Unterzucker. Gleichzeitig zogen auch die Wolken wieder zu. Und jeder der den Hochschwab kennt, der weiß: Bei schlechter Sicht ist es hier oben alles andere als leicht mit der Orientierung.
Am Hochplateau, nachdem es wieder aufriss
Doch ich kannte dieses Hochplateau auch damals schon gut genug. Und nach einer Weile rissen auch die Wolken wieder auf. Über endlose Weiten näherte ich mich dem Gipfel. Die Aussicht wurde immer besser. Und die Laune ebenso.
Vorbei an der Biwakschachtel ging es über den letzten Aufschwung hinauf zum Gipfel. Auf 2277m genoss ich den Rundblick, gemeinsam mit dem anderen Müsliriegel, den ich ja noch mit hatte. Ein paar Schlückchen Tee und die Gewissheit, ganz alleine hier oben zu stehen. Ein langer Weg war es hierher gewesen. Ich spürte das Laktat in den Beinen. Den Zug des lastenden Rucksacks auf meinen Schulturn. Und die Frische des Schneewinds im Gesicht. Ich fühlte den Berg. Und ich fühlte mich sehr verbunden zu ihm.
Am Hochschwabgipfel
Dann schnallte ich die Skier an. Ich gab jetzt ordentlich Gas. Immerhin lockte das Mittagessen im Tal. Bei der Abfahrt bretterte ich mit ziemlicher Wucht über die unzähligen Hügel und Wulste des östlichen Hochplateaus. Ich kenne dieses Gelände von den Abstiegen zahlreicher Klettertouren in der Südwand. Der Schnee war meist hart, teils eisig. Es war ein kurzer und wilder Ritt bis zur Voisthaler Hütte.
Blick über die obere Dullwitz
Dort angekommen öffnete ich die Tür zum Winterraum. Hier gibt es ja normalerweise Snacks und Getränke. Doch der Vorrat war aufgebraucht - kein Wunder zu dieser Jahreszeit! Ich hätte alles gegeben - für ein Fläschchen Bier und eine Packung Mannerschnitten. Doch das sollte mir nicht vergönnt sein. Selber Schuld, wenn ich zu wenig mitnehme, dachte ich mir! Also fuhr ich nach einer kurzen Pause weiter. Hinunter in die Dullwitz und über den Gegenhang hinauf zum tief eingeschneiten Franzosenkreuz und weiter in den Wald und zur unbewirtschafteten Florlhütte. Die Skier konnte ich bis in den Boden des Seetals anlassen. Hier gleitete ich über die Forststraße hinaus Richtung Seewiesen. Die letzten 2-3 Kilometer musste ich abschnallen.
Bei der Ankunft in Seewiesen checkte ich den Busfahrplan. Ich hatte Glück - denn in 20min sollte lt. Fahrplan der nächste Bus nach Kapfenberg gehen. Gesagt getan. Ca. eine Stunde später befand ich mich im kleinen, steirischen Industriestädtchen. Der Busfahrer war übrigens die erste Person, die ich seit dem Leopoldsteiner See angetroffen hatte. In Kapfenberg machte ich mich nun endlich auf die Suche nach etwas Essbarem.
Das einzige offene Lokal trug den Namen “Ichiban Tea”. Fragend fand ich mich vor einer neonpinken Tafel mit 600 Sorten Bubbletea und 300 verschiedenen Glückskeksen wieder. Auf den picksüßen “Tee” und die Blätterteigkekserl verzichtete ich. Dafür gönnte ich mir eine heiße Nudelsuppe und ein Fläschchen Almdudler. Ganz ehrlich: Dieses Lokal hätte ich sonst nie betreten. Aber in dieser Situation wurde mein Besuch zur echten Wohltat und das Essen war gar nicht schlecht. Nach dem fernöstlichen Mittagslunch trat ich die weitere Heimreise an.