Alpamayo
Im Juli 2023 reisten Mario, Niklas und ich in die Peruanischen Anden. Unser wichtigstes Ziel - der schönste Berg der Welt! Im Rahmen dieser fünftägigen Expedition erlebten wir landschaftliche Eindrücke, die nur in Bildern beschrieben werden können. Die Cordillera Blanca zog uns in ihren Bann. Doch den Gipfel des Alpamayo gab es nicht als Geschenk. Auf 5947m wird die Luft schließlich dünn.
Alpamayo im Abendlicht
Eiliger Aufbruch
Nach unserer Akklimatisierungstour am 5686m hohen Vallunaraju nahmen wir nun unser begehrtestes Ziel der Reise ins Visier. Mit dem Sammeltaxi fuhren wir in das kleine Städtchen Caraz und von dort weiter nach Cashapampa. Mit meinem gebrochenem Schulspanisch organisierte ich uns zwei Esel und einen Platz zum übernachten. Die bunte “Casa de Aguiles” sollte zu unserem Ausgangspunkt für diese Tour werden. Am nächsten Morgen holte uns Aguiles Freund Wilson mit seinen zwei Eseln ab. Ein Pferd und ein Hund waren ebenfalls mit von der Partie.
Niklas, Wilson und unsere tierischen Begleiter
Der Weg führte uns durch das zunächst steile und enge Santa Cruz Tal. Unsere Mannschaft - angeführt von Wilson - bewegte sich schnell. Sogar so schnell, dass Mario und ich einen immer größer werdenden Abstand gewannen. Immerhin waren wir zu diesem Zeitpunkt erst seit fünf Tagen in Peru. Unsere Körper hatten sich bestimmt schon ein wenig an die Höhe angepasst, aber voll akklimatisiert waren wir bei weitem nicht. Irgendwann kehrte der Hund um und rannte zurück nach Cashapampa. Niklas folgte Wilson und den anderen Tieren auf Schritt und Tritt, ehe Wilson weiter oben aufs Pferd stieg und davon sauste. Die Esel rannten im Eiltempo hinterher. So hatten wir uns das zwar nicht vorgestellt, aber gut - eigentlich kann es uns egal sein. Wichtig war, dass unser Gepäck irgendwie ankam und jeder sein eigenes Tempo gehen konnte.
Wilson hat es eilig
2. Pasta & Porridge
Mario und ich spazierten gemütlich an den großen Seen vorbei, ehe es linkshaltend und über einen Aufschwung zur Ebene des Basislagers ging. Von hier aus erblickten wir erstmals den prächtigen Alpamayo. Kurze Zeit später erreichten wir das Basecamp auf 4300m. Dort wartete Niklas bereits auf uns. Wilson war mit seinen Tieren längst wieder auf dem Rückweg. Er hatte unser Gepäck einfach im Staub der Hochebene abgeladen.
Wir schlugen unsere Zelte auf und kochten unser bescheidenes Abendessen. Dabei waren wir eher minimalistisch versorgt. Während für kommerzielle Expeditionen eigene Köche, in eigenen Community-Zelten, aufwendige Gerichte und mehrere Gänge zubereiteten, gab es bei uns einfach nur Pasta - abwechselnd mit rotem bzw. grünem Pesto. Immerhin hatten wir einen Salzstreuer mit dabei. Morgens bereitete ich uns eine Schüssel mit geschmacksarmem Porridge zu.
Im Alpamayo-Basecamp
Wir stopften unsere schweren Rucksäcke bis zum Anschlag voll und machten uns an die nächste Etappe. Vorbei am Moränenlager ging es ins Hochlager auf 5400m. Dazu bewegten wir uns zunächst über einen steilen Pfad und später über den beeindruckenden Gletscher aufwärts. Am Ende kletterten wir in wenigen, einfachen Seillängen in den Sattel zwischen den Gipfeln Alpamayo und Quitaraju. Desto höher wir stiegen, desto lauter schlugen unsere Herzen. In dieser Höhe und mit dem schweren Gepäck am Rücken, arbeiteten unsere Körper mit Volldampf. Erst beim atemberaubenden Anblick der Gipfelpyramide, wurde es für einen Moment ruhig in uns.
Ankunft im Hochlager
3. Der schöne Berg und die kurze Nacht
Uns dreien ging es gut hier oben. Die Tropensonne strahlte uns ins Gesicht und hinterließ breite Grinser. Nach unserer Ankunft folgten uns zwei weitere Seilschaften bis hierher - ein Team aus Mexiko und eines aus Tschechien. Es bildete sich ein winzigkleines Dörfchen aus einer Hand voll Zelten. Wir unterhielten uns gut mit den anderen und beobachteten, wie sich die Sonne langsam dem Horizont näherte. Der Anblick des Berges wurde dabei immer beeindruckender. Mit einbrechender Dunkelheit wurde es beißend kalt. Wir zogen uns in unsere Zelte zurück und stellten unsere Wecker auf 00:30. Immerhin hatten wir in Erfahrung gebracht, dass in den letzten Tagen ein unglücklicher Unfall aufgrund Eisschlags passiert sei. Unser Ziel war es, vor 10:00 wieder zurück im Lager zu sein, da ab diesem Zeitpunkt erste Sonnenstrahlen in die Südwestwand strahlen würden.
In dieser Nacht fand ich keinen Schlaf. Immerhin war es für mich eine neue Erfahrung, in solcher Höhe zu übernachten. Außerdem packten sich die anderen Seilschaften bereits ab 23:00 zusammen und verursachten so ein wenig Lärm. Als der schrille Wecker endlich läutete, zog ich am Reißverschluss des mit Raureif überzogenen Zeltes. Ich schlüpfte aus meinem Schlafsack und richtete den Gaskocher her. Leider war dieser so vereist, dass wir viel Zeit damit verschwendeten, unser geschmacksarmes Frühstück und frischen Tee zuzubereiten. Das hätten wir wirklich am Vortag erledigen sollen! Ein Fehler der mir nie wieder passieren wird.
Es dauerte eine ganze Stunde, ehe wir um 01:30 endlich losmarschierten. Zunächst ging es bergab in einen flachen Boden und anschließend immer steiler werdend bergauf. Wir beobachteten, wie wir uns den Stirnlampen der anderen Seilschaften näherten. Am Bergschrund angekommen, liefen wir auf die tschechische Seilschaft auf. Wir überwindeten die Spalte und einen kurzen, senkrechten Aufschwung. Anschließend überholten wir unsere Kollegen und fädelten zwischen den markanten Eisrippen der Südwestwand ein. Zuerst kletterten wir am laufenden Seil, irgendwann wurde uns das zu anstrengend und wir wechselten in einen klassischen Seilschaftsablauf. Die Rinne war zum größten Teil blank; hin und wieder kletterten wir an Eissanduhren von früheren Begehungen in diesem Jahr vorbei.
Während wir eine Seillänge nach der anderen abspulten, beobachteten wir, wie eine Eisrippe weiter links, die mexikanische Seilschaft werkte. Irgendjemand muss hier falsch eingebogen sein. Wie es sich später herausstellte waren es die Mexikaner. Dennoch plagte uns nun eine gewisse Unsicherheit. Auch innerhalb der Seilschaft konnten wir uns nicht einig werden. Im Mittelteil der ca. 500m hohen Gipfelwand fühlte ich mich bescheiden. Mir war kalt und die Höhe setzte mir mit Kopfschmerzen und starker Müdigkeit zu. Außerdem bildete ich die kritische Stimme unserer Uneinigkeit.
Als es langsam hell wurde, war uns längst klar, dass wir unten am Bergschrund die richtige Wahl getroffen hatten. Wir beobachteten die Mexikaner beim abseilen. Auch die Tschechen hatten umgedreht, sie waren längst nicht mehr in Sichtweite. Der schönste Berg der Welt gehörte uns nun ganz alleine.
Niklas in der Südwestwand des Alpamayo
Bei aufgehender Sonne kletterten wir abwechselnd unter das 70° steile Ausstiegscolouir, welches sich im Vergleich zum restlichen Routenverlauf leicht nach links wegdrehte. Für die allerletzte Seillänge wäre eigentlich ich an der Reihe gewesen, doch Mario fühlte sich berufen. Er musste mich nicht lange überreden, denn mir war ohnehin nicht ganz wohl von der Höhe. Mario stieg die letzten Meter mit großer Entschlossenheit empor, ehe wir am Ende der Rinne durch einen engen Durchschlupf fädelten und am Gipfelgrat landeten.
Niklas auf dem Weg zum Gipfel
Das kurze Gratstück legten wir mit großer Freude und Begeisterung zurück. Der Ausblick über die Cordillera Blanca faszinierte uns ebenso wie die Schönheit der mächtigen Pilzgebilde aus Eis und Schnee. Am Gipfel schossen wir ein Foto, ehe wir an einem breiteren Plätzchen am Grat eine kurze Pause einlegten. Wir tranken Tee und aßen ein paar Bissen unserer Jause.
Am Gipfel des Alpamayo - auf 5947m
Zu viel Zeit wollten wir hier allerdings nicht liegen lassen. Immerhin wollten wir der Gefahr des Eisschlags - oder im schlimmsten Fall dem Abbruch eines Eispilzes zeitlich entgehen. Seillänge für Seillänge seilten wir über die Wand ab. Am Ende spazierten wir über den Gletscher und den Gegenhang zurück zu unseren Zelten. Um 09:30 erreichten wir das Lager - die Sache lief also perfekt nach Plan. Im Camp angekommen, fühlte ich wie mein Körper rasant abbaute. Wir legten uns in unsere Zelte und versorgten uns mit Flüssigkeit.
4. Gier
Immerhin waren wir zu diesem Zeitpunkt erst sieben Tage zuvor in Lima gelandet. Seit sechs Tagen befanden wir uns konstant über 2300m. Und obwohl die Besteigung des Vallunaraju am Tag vier relativ leicht zu bewältigen war, sahen wir jetzt ein, dass wir gierig waren - zu gierig auf diesen wunderschönen Berg. Unsere Akklimatisierung war am äußersten Minimum für diese Tour. Unsere Gier bezahlten wir mit Kopfschmerzen und schwerer Angeschlagenheit. Ich empfehle jedem Alpamayo-Aspiranten zumindest eine volle Woche vorzuakklimatisieren, bevor man sich überhaupt auf den Trekk ins Basecamp begibt.
Das hässlichste Selfie meines Lebens unter dem schönsten Berg der Welt
Nachdem wir tagsüber ein paar Stunden Schlaf nachholten, ging es zum Teil bergauf mit unserer Verfassung. Am Nachmittag diskutierten über den morgigen Tag. Immerhin hatten wir geplant, den gegenüberliegenden, 6036m hohen Quitaraju mitzunehmen - sofern es uns nach unserer Alpamayo-Besteigung gut genug gehen sollte. Niklas sprach sich für einen Versuch aus, Mario war strikt dagegen. Ich bezog eine Mittelposition. Immerhin fühlte ich mich nach dem Mittagsschläfchen wieder bedeutend besser, ich würde sogar behaupten, dass es mir allgemein gut ging. Die unterschiedlichen Meinungen spiegelten auch die jeweilige Verfassung wider. Letzten Endes entschlossen wir uns trotz der verbesserten Konstitution für die vernünftigere Variante - einen morgigen Abstieg ins Basislager. Nachdem Mario in der anschließenden Nacht erneut mit starken Kopfschmerzen zu kämpfen hatte, erübrigte sich jeder Zweifel an dieser Entscheidung.
5. Volleyball
Am 27. Juli stiegen wir ins Basislager ab, wo wir eine weitere Nacht verbrachten. Vor dem Schlafengehen spielten wir eine Runde Volleyball mit einer freundlichen Partie von Peruanern, die auf einer Trekkingreise unterwegs war. Ich wusch mich im eiskalten Gletscherbach, während die anderen unsere alltägliche Pasta zubereiteten. Am nächsten Morgen verzichteten wir auf Porridge - immerhin würgte es uns schon beim Gedanken an diese klebrige Masse. Glücklich und zufrieden kehrten wir am fünften und letzten Tag unserer Expedition nach Cashapampa zurück. Aguiles empfing uns liebevoll mit einer würzigen Erdäpfelsuppe.
Zum Video gehts hier.
Am Rückweg nach Cashapampa - im Hintergrund unser nächstes Ziel!